Teil 2: maN SIeHt SICH
Nur wenige Meter vor mir befand sich eine große Standuhr, die jede Minute ein deutlich hörbares Klicken von sich
gab. Darauf starrend wartete ich ungeduldig auf das Erscheinen des Anwalts in dem vereinbarten Bistro. Bei der Überlegung, welcher Ort sich als Treffpunkt eignen könnte, war ich in Hamburg von einem Café zum nächsten geirrt, bis ich
dieses kleine abgelegene Bistro gefunden hatte, das mir für ein Treffen sicher genug erschien. Ich konnte es noch nicht so recht fassen. Jeden Augenblick sollte Günni zur Tür hereinmarschiert kommen, und ich würde einen Pakt mir dem
Szenefeind Nummer Eins schließen. Aber es gab kein Zurück mehr. Vor mir auf dem Tisch lag mein dreißig Seiten schwerer Ausdruck, randvoll bepackt mit dem Capture eines Ami-Express-Boards. Die Tür ging auf und Günni kam mit seiner
Aktentasche den langen schmalen Gang auf mich zu. Er hatte mich gleich erkannt. Er reichte mir kurz die Hand und setzte sich. Eine fürchterliche Aufregung überkam mich und hätte mich fast dazu getrieben, die Sache abzublasen. Ich
versuchte sie mit aller Kraft zu unterdrücken. »Keine halben Sachen mehre, redete ich mir ein. Ein europaweit bekannter Staranwalt, dessen Aktionen immer mit Schlagzeilen verbunden waren, saß nun vor mir - einem Computerkriminellen.
»Sie hätten mir ja sagen können, dass hier vorne eine Einbahnstraße ist. Ich musste um den ganzen Block herum und habe dann keinen Parkplatz gefunden.« Nach unseren Telefonaten hätte ich nicht gedacht, dass Günni zu so etwas wie Small
Talk fähig gewesen wäre. Meine Unsicherheit überspielend ging ich darauf ein. »So kann es gehen«, sagte ich. »Also gut, ich habe die Ware, haben Sie das Geld?« Günni zeigte ein müde amüsiertes Lächeln. Das Eis war nicht zu
brechen. Ich räusperte mich und gab ihm das Capture, das er sehen wollte. Er setzte seine Brille auf, schaute es sich an und blätterte darin herum. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er nichts von dem, was darin stand, verstehen
und lesen konnte. Wie es in Boards üblich ist, war alles in einer graffiti-ähnlichen Schrift geschrieben. Ich verstand zum ersten Mal den Schutz, den diese elitäre Gestaltung gewährte.
»Können Sie das überhaupt lesen?«, fragte ich überheblich. »Ich konnte mal, aber die Zeiten sind vorbei«, sagte er und rückte seine Brille auf der Nase zurecht. »Es reicht ja auch, wenn es meine Testbesteller können.« Er blickte mich
verheißungsvoll an. Anscheinend gefiel ihm das Capture. »Ich habe noch mehr«, sagte ich und hielt ihm eine CD unter die Nase, auf der sich weitere Captures von Boards befanden.
»Mein Laptop ist im Wagen, ich hol ihn mal«, sagte er und ging hinaus. Mit einem Laptop unter dem Arm, kam er nach kurzer Zeit wieder. Dann überprüfte er den Inhalt der CD akribisch. Er kam mir vor wie ein Drogendealer, der Kokain
noch einmal auf Waschmittel hin überprüft, bevor er zum geschäftlichen Teil übergeht. »Also gut«, sagte er dann endlich, »ich erkläre Ihnen, wie wir das machen. Es gibt eine bewährte Methode, die keine Probleme bereitet. Sie tragen
sich in ein Board unter falschem Namen A ein. Dieser falsche Name A empfiehlt dann einen anderen User B. Mit dem User B wird das Board dann gebustet. So bleiben Sie selbst völlig anonymn.« Diese Geschichte mit A und B empfand ich als
etwas umständlich. Es ging doch viel einfacher: Eintrag mit falschem Namen, Zugriff und fertig. Seine Erklärung machte den Eindruck, als sei das Busten von Boards nach einer streng formalen Vorgehensweise reglementiert und damit
rechtens. Ich machte mir nicht viel aus dieser A-B-Geschichte. Die Hauptsache war, dass ich ihm die Zugänge zu den heiß begehrten Warez verschaffte. »Wie stellen Sie sich das mit der Bezahlung vor?«, fragte er mich dann überraschend.
Ich grübelte. Ich hatte überhaupt keine Idee, was für eine Zahl ich ihm nennen sollte und rechnete mit mehreren Unbekannten vor mich hin. Gerüchten zur Folge bekamen Leute von Günni tausend-fünfhundert Euro pro hochgegangenem
Board. Ich war in mehr als zwanzig Boards eingetragen, in denen man Warez in Massen finden konnte. Das wären dreißigtausend Euro innerhalb nur weniger Stunden gewesen. Dieser Betrag konnte einfach nicht stimmen. Zweihundert Euro
erschienen mir da doch schon viel realistischer. Ich entschloss mich mit meinen Forderungen nicht unter zweihundert Euro zu gehen. Dennoch wollte ich jetzt nicht zweihundert Euro vorschlagen und mir damit durch ein einfaches »Ja« mehr
Geld entgehen lassen. Günni beobachtete mich bei meiner Herumdruckserei. Dann ergriff er schließlich die Initiative. »Hundertfünfzig Euro pro Board«, gab er von sich. Ich war platt. »Hundertfünfzig Euro nur?«, rief ich: »Nein,
zweihundertfünfzig, nicht weniger!« »Glauben Sie nicht, dass zweihundertfünfzig Euro etwas zu viel sind?«, antwortete er. »Absolut nicht. Ich schätze die Arbeit, die ich hier machen soll, als gefährlich und anspruchsvoll ein, zudem
weiß ich auch um meine Kompetenzen«, argumentierte ich. »Das glaube ich Ihnen«, versuchte er mich zu beschwichtigen und sagte weiter: »Und ich bin auch völlig überzeugt, dass Sie gute Arbeit leisten werden.« »Gut«, unterbrach ich,
»dann werden Sie verstehen, dass meine Vorstellungen realistisch sind.« Günni erklärte mir, dass er im Grunde nur hundert Euro oder sogar weniger an seine Testbesteller zahle. Ich wollte nicht lockerlassen und schlug ihm einen
Kompromiss vor. Er schmetterte jedoch ab: »Da sehe ich keine Möglichkeit. Ich biete Ihnen hundertfünfzig Euro.« »Der Preis ist nicht akzeptabel. Nennen Sie mir einen anderen«, stieß ich mit einem energischen Kopfschütteln
hervor. Günni hob seine Hände zu einer abschließenden Geste: »Dann ist da nichts zu machen.« Mit meiner Dreistigkeit hatte ich bislang meistens Erfolg gehabt. Doch bei Günni stieß ich auf Granit. Es blieb mir nichts anderes übrig als
meinen Ton zu ändern und einzuwilligen. «Gut», sagte er ungerührt, »wenn es Probleme oder Fragen geben sollte, rufen Sie an und wir treffen uns. Wir werden das Ganze vertraglich absichern. Sie sehen, alles hat hier seine
Richtigkeit.« Ich fühlte mich dadurch nicht sonderlich beruhigt. Korrektheit hatte noch nie einen wirklichen Wert in meinem Leben gehabt.
aCCOUNtS, accoUNtS, accoUNtS
Nach weniger als drei Wochen bekam ich den
Vertrag zugesandt. Daraus ging alles Nötige hervor, und der Tat stand nun nichts mehr im Weg. Ein weiterer Rechtsanwalt aus der Kanzlei, den alle Benni nannten, instruierte mich ausführlich und erklärte mir am Telefon, wie ich den Weg
für eine reibungslosen Auszahlung meines Honorars ebnen sollte, indem ich ein Gewerbe gründete. Ich ging also ins Bezirksamt und meldete ein Gewerbe als Testbesteller an. Den Vertrag von Günni und seinem Partner Benni schickte ich
unterschrieben zurück. Jetzt war ich also ein Buster. Tag für Tag setzte ich mich mit einer völlig neuen Motivation vor den Computer. Das Modem war nicht mehr der Grund für die unbezahlbaren Telefonrechnungen, die mir monatlich ins
Haus flaterten. Es verwandelte sich über Nacht in einen Goldesel. Meine Arbeit begann zunächst einmal damit, einige Elite Systeme auszuwählen, die ich als Stützpunkte meiner Aktivitäten missbrauchte. Dort etablierte ich mich als
fleißiger Benutzer und schraubte meine Zugriffsansprüche in die Höhe. Die Betreiber dieser Systeme konnten sich glücklich schätzen, da ich ihre Boards als eine Art Hauptquartier und Basis benötigte und sie daher verschonte. Um die
Arbeit wirklich effizient zu gestalten, legte ich mehrere Ordner an und begann mich zu organisieren. Zunächst sammelte ich Mitgliederlisten von eingetragenen Benutzern illegaler Boards. Darüber hinaus erstellte ich für jedes wichtige
Mitglied ein eigenes Profil mit seinen jeweiligen Zugangsberechtigungen und Aufgabenbereichen in der illegalen BBS-Szene. Dann trug ich mich unter ihrem Namen in Systeme ein, in denen sie nicht vertreten waren. Der Computer
entwickelte sich zu einer Art geheimen Winkel meines Gehirns: Ich programmierte eine komplexe Datenbank, die mir mit wenigen Handgriffen ermöglichte, Namen, Pseudonyme und Referenzen einzelner Softwarepiraten in Sekundenschnelle auf den
Bildschirm zu rufen. Das war vor allem dann sehr nützlich, wenn man in ein Gespräch mit einem Systemoperator geriet und im Chat plötzlich mit kritischen Fragen konfrontiert wurde. Fragte man mich beispielsweise, ob ich ein Szenemitglied
namens »Slaver«, kenne, konnte ich spontan amworten, aus welchen Boards und Chats er mir ein Begriff war und in welchem Interessenaustausch ich mit ihm stand. So war es ein Leichtes, Referenzfragen zu meistern und damit das eindeutige
und so wichtige Vertrauen des Systembetreibers zu gewinnen. Dieser konnte mich dann mit den nötigen Passwörtern und Zugriffen zu seinem und oft sogar auch zu anderen Systemen versorgen. Meine Liste mit Zugangscodes zu illegalen Boards
in meiner Umgebung wuchs von Tag zu lag. Jeden dieser Zugänge schickte ich zusammen mit einer Rechnung an die Kanzlei. Nach wenigen Monaten trug meine Arbeit Früchte. Ich hätte meine Uhr danach stellen können. Eine Board nach der anderen
schloss ihre Pforten und musste sich vor dem Gesetz verantworten. Das Gerücht machte die Runde, dass ein Kollaborateur die Szene zu demontieren versuche und ein System nach der anderen an die Polizei verriet. Ein User nach dem anderen
wurde verdächtigt. Doch die Szene tappte im Dunkeln. Niemand konnte wissen, dass ich die Ursache dieser Welle war. Nach einigen Monaten kamen die ersten für ungültig erklärten Zugänge von der Kanzlei zurück. Die restlichen wurden
bezahlt. In meinem Rausch bearbeitete ich systematisch ein System nach der anderen und bemerkte dabei langsam, dass das Uhrwerk Günni & Partner doch nicht so präzise tickte, wie ich gedacht hatte. Viele Zugänge waren nach vier
Wochen wieder ungültig geworden, weil sich das Systempasswort geändert hatte oder das Mitglied wegen Untätigkeit von den illegalen Systembetreibern aus den Systemen hinausgeschmissen wurde. Die zuständigen Sachbearbeiter der Kanzlei
waren schlichtweg zu langsam, sodass nur bei jedem zweiten von mir aufgezeigtem System der illegale Vertrieb von rechtlich geschützter Software mit Erfolg nachgewiesen werden konnte. Mein Eifer konnte dadurch nicht gebremst werden, und
ich machte in gewohnter Form weiter. Ich träumte davon, jedes in Deutschland existierende System dem Erdboden gleichzumachen. Nach einigen Monaten schließlich, nachdem fast jede illegale BBS in Hamburg entweder von der Polizei belangt
oder aus Angst selbstständig geschlossen worden war, entschied ich einen Schritt weiter zu gehen: Ich begann Ausschau nach Systemen außerhalb Hamburgs zu halten. Ich nutzte jede Gelegenheit, um an Passwörter zu gelangen. Ich empfand
sie mittlerweile als Platzhalter für Bargeld. Es reichte ein Wort - manchmal bestand es nur aus vier Buchstaben, und mein Konto füllte sich mit weiteren hundertfünfzig Euro. Natürlich ergaben sich für mich auch zufällige Möglichkeiten,
an Passwörter zu gelangen. Als ich eines Tages mit Freunden und einem Kasten Bier bei einem bekannten Szenemitglied zu Besuch war, bot er mir seine Festplatte zum Verkauf an. Da sich die vielen selbst entwickelten Hackprogramme auf
meinem Computer den spärlichen Platz mit den mittlerweile zu einem Telefonbuch angewachsenen Lebensläufen und Passwörtern teilen mussten, ging ich erfreut auf das Angebot ein. Als ich die vom Vorbesitzer gelöschte Festplatte an meinen
Rechner anschloss, kam mir spontan eine Idee. Ohne lange nachzudenken startete ich ein Programm, das gelöschte Dateien wiederherstellen konnte. Nach einigen Stunden harte ich eine ausführliche Liste mit allen Passwörtern meines »guten«,
Freundes. Dieser Geistesblitz ermöglichte es mir, ein ganzes Paket mit über zehn Zugriffen an die Kanzlei zu schicken und gnadenlos abzukassieren. Mittlerweile hatte ich jegliche moralische Bedenken über Bord geworfen. Ich brauchte
mich schon lange nicht mehr damit zu beruhigen, dass ich nun wenigstens auf der vermeintlich richtigen Seite des Gesetzes stand. Ich verbannte einfach alles aus meinem Kopf, was mein Vorgehen hätte blockieren können. So war es durchaus
keine Seltenheit, dass ich Szenemitgliedern einen Besuch abstattete, dann in einem unbemerkten Augenblick deren Festplatten durchforstete und mir die Zugänge auf auf einen Datenträger kopierte. Ich musste dabei natürlich schnell und vor
allem hemmungslos sein, denn Angst, Unruhe oder moralische Bedenken hätten mich nur zu sehr bei meinem Vorhaben behindert. Wenn jemand doch schneller als erwartet von der Toilette oder aus der Küche zurückkam, genügte nach einem Reset
oft die billige Ausrede, der Computer sei abgestürzt und ich versuche ihn nun wieder hochzufahren. Szenepartys boten immer besonders viele Gelegenheiten, Zugänge zu Systemen zu ergattern. Ich setzte mich einfach an einen der vielen
unbeaufsichtigten Rechner und durchkämmte sie, oft auch bei abgeschaltetem Monitor, damit es so aussah, als tippe ich bloß vor mich hin. Dazu musste ich nicht nur in der Lage sein, die nötigen Befehle blind in den Rechner einzugeben,
sondern auch sämtliche Spuren, die ich hei diesen Aktionen unweigerlich hinterließ, innerhalb kürzester Zeit zu beseitigen. Endlich konnte ich meine Fähigkeiten gewinnbringend ausnutzen. Zwar erschien ich nach außen hin immer noch als
der vertrottelte Computerjunkie, aber ein Blick auf meinen Kontoauszug ließ mich diese Rolle genießen. Günni selbst rief mich immer wieder an und überrollte mich mit szenespezifischen Fragen. Diese Anrufe taten mir zusätzlich gut,
spielte ich doch nun neben dem Buster auch noch die Rolle des Beraters in Sachen »Szene«. Ich konnte Gerüchte dementieren oder bestätigen, ihn über anstehende Partys unterrichten und Adressen oder Informationen besorgen. Nie jedoch
fragte er mich nach der Art meiner Vorgehensweise. Als nach ein paar weiteren Monaten unzählige Szenemitglieder mit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Anklagen zu kämpfen hatten, gingen mir so langsam die Systeme aus. Es blieb
nur noch der harte Kern übrig: illegale Elite-Systeme der Szene, zu denen der direkte Zugang aufgrund strengster Kontrollen fast unmöglich war. Ich wusste, dass ich diese Hürden umgehen musste, wenn ich meiner Arbeit kein vorschnelles
Ende setzen wollte. In einem der elitären Systeme, die ich von Anfang an als Basis verschont hatte, bot sich mir die Möglichkeit, an Warez zu gelangen, noch bevor sie in Deutschland auf dem Markt oder in den Boards erschienen. Ich
begann damit, mehrere Updates von beliebter Hilfs-software zu manipulieren, indem ich die Installationsdateien zu meinen Gunsten umprogrammierte und ein Trojanisches Pferd einbaute. Das war eine kleine versteckte Datei, die bei der
Installation des eigentlichen Programms aktiviert wurde. Schließlich ließ ich meine Version des Softwareprodukts durch Kontakt-Boards in der deutschen Szene in Umlauf bringen. Als verschiedene Systembetreiber diese Updates routinemäßig
installierten, begann mein Trojanisches Pferd mit seinem Galopp und konnte unbemerkt in fremden Systemen sein Unwesen treiben. Der Rest war einfach. Ich musste nur einige Wochen später die infizierten Systeme anwählen und einen bestimmen
Code eingeben, damit mir mein Trojanisches Pferd die Türen des Systems von innen sperrangelweit aufriss. Damit zog ich auch die hartnäckigsten illegalen Systeme aus dem Verkehr. Übrig blieben nur noch die elitären Systeme, die ich als
Basis benötigte. Die Unruhe und Angst innerhalb der Szene konnte mir nur recht sein: Man deutete mit dem Finger auf jeden, der den Namen Günni auch nur aussprach. Die plötzlich zu hunderten auftretenden Schuldigen trugen nur zu noch
größerer Verwirrung bei.
Die tRitoN-akte
Während andere verdächtige
Buster mit Morddrohungen und obszönen Anrufen zu kämpfen hatten, erreichte mich ein weiterer Brief von Günni. Dieser Brief enthielt neben einer formellen Entschuldigung für die ständigen Verspätungen meines Honorars und der fehlerhaften
Verarbeitung meiner Zugangsberechtigungen eine Einladung zu einem Geschäftsessen. Ich sagte zu und traf mich mit Günni in einem von ihm ausgewählten Lokal. Die Entschuldigung und die damit verbundene Einladung waren nur ein Vorwand, um
mit mir in einer anderen Angelegenheit zu sprechen. « Sie haben tolle Arbeit geleistet«, klopfte er mir verbal auf die Schulter. »Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen.« »Ich hätte Ihnen ja viel mehr Boards ausliefern können!«, sagte
ich ein wenig verärgert. »Ich weiß nicht, was für ehemalige Szenemitglieder Sie bei sich beschäftigen, aber die scheinen nichts auf die Reihe zu bekommen. Ist doch klar, dass durch die ständig verspätete Bearbeitung die Zugänge wieder
ungültig werden.« Günni versuchte mich zu beruhigen. Sätze wie »Ja, das ist klar « oder »Verstehe ich«, gingen im Viervierteltakt über seine Lippen. »Nun, jetzt ist die ganze Szene in Aufruhr«, sagte ich. Meine Stimme klang
gespielt beunruhigt. Günni nickte betroffen, es interessierte ihn nicht im Geringsten. »Mein Name ist auch schon aufgetaucht«, log ich und dachte dabei an so etwas wie eine Gefahrenzulage. »Hat man mir schon gesagt«, log Günni nickend
zurück. »Wir versuchen unsere Testbesteller so gut wie möglich zu schützen und ihre Anonymität zu wahren, so was kann aber trotzdem passieren, wie Sie sehen.« »Ich habe aber noch sämtliche Accounts von Systemen, in denen ich mit
falschem Handle eingetragen bin. Obwohl jetzt alles ein wenig chaotischer vonstatten geht, habe ich noch vollen Zugang zur Szene und deren Informationen. Ich könnte ein wenig abwarten und dann wieder loslegen.« »Klar, das können Sie
machen«, Günni öffnete seine Aktentasche und holte einige Blätter heraus. »Aber mal etwas anderes. Sagt Ihnen der Name Triton etwas?« Ich schüttelte den Kopf. »Ein Chipset von Intel?«, fragte ich. »Ja, in etwa, es ist ein
Motherboard-Chipsatz. Die Firma Tricon in Holland empfindet den Namen Triton als dem ihren ähnlich. Steht aber alles in der letzten Ausgabe der c't. Ich hab Ihnen mal eine Kopie mitgebracht.«
Günni reichte mir die Kopien. Ich überflog die Blätter und zuckte mit den Schultern. »Also«, fuhr er fort, »wir haben durch richterlichen Beschluss erreicht, dass der Name verwechslungsfähig mit Triton ist. Jeder Computerhändler, der
mit diesem Namen wirbt, kann abgemahnt werden.« »Und was heißt das für mich?« Günni lächelte. »Sie schauen, wo Sie das Wort Triton finden und verdienen Geld, so einfach ist das. Computerhändler, Kaufhäuser, Zeitschriften -
eigentlich überall, wo Werbung mit dem Namen Triton gemacht wird. Hundert Euro pro Fall gibt es dafür.« »Hundert Euro? Das wird ja immer weniger bei Ihnen. « »Hat ja auch mit Warez nichts zu tun. Das ist eine viel einfachere
Aufgabe. Sie sehen einen Laden, der mit Triton wirbt, reingehen, rausgehen – Hundert Euro. Verglichen mit einem Stundenlohn sind Sie sehr gut bedient. « Rein, raus, Hundert Euro. Das erinnerte mich an eine andere Berufsgruppe.
Trotzdem, es klang gut. »Abgemacht«, sagte ich. »Und was mache ich, wenn ich irgendwo in einer Zeitschrift Werbung für Triton sehe?« »Drauf!« »Bitte?« »Einfach drauf!«
Ich brauchte nicht lange zu überlegen, ich hatte es begriffen. |
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