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Teil 2:

eNtDeckUNGeN

Ich rief die Partyline noch einige Male an und merkte sehr schnell, dass die Leute dort längst noch nicht alle Tricks herausgefunden hatten. Es waren meist Teenager wie Dennie, die zum Teil auch von ihm selbst auf die Schwachstellen der Telefongesellschaften aufmerksam gemacht worden waren. Aber wegen des fehlenden Equipments mussten sie mit Orgeln, Pfeifen und anderen Geräten improvisieren, um weitere kleine Fehler des Telefonsystems zu entdecken. Die Methode, mir der sie dabei vorgingen, schien mir sehr riskant zu sein. Sie benutzten für ihre Anrufe immer die 1800er-Nummer, die meines Wissens zurückverfolgt werden konnte.
Die MF-Box, die ich mittlerweile in einen rechteckigen Kasten eingebaut hatte, sollte mir einen größeren Handlungsspielraum ermöglichen. Vor allem wollte ich mich über mehrere Stellen verbinden lassen und so eine Rückverfolgung seitens der Telefongesellschaft oder des FBI verhindern.
Ich entdeckte eine Schwachstelle nach der anderen. Während ich mich auf dem Gebiet allmählich zu einem Spezialisten entwickelte, rief mich Dennie eines Tages wieder an und wollte wissen, ob ich nicht auch einen MFer für ihn bauen könnte, da er aufgrund seiner Blindheit nicht dazu in der Lage war.
»Sicher, warum nicht«, antwortete ich und begann sofort die notwendigen Teile zusammenzusuchen.
Mittlerweile ging mir der Bau leicht von der Hand, und ich brauchte nicht lange, bis ich ihm das fertige Produkt präsentieren konnte. Ich schenkte ihm eine MF-Box in einem dunkelblauen Kasten. Für ihn hatte dieses Gerät einen enormen Wert. Er hielt die Box freudig lächelnd und vorsichtig in den Händen, als hätte er Angst, sie könnte zerbrechen. Er wollte genau wissen, wie sie aussah. Ich sagte, es sei ein einfacher blauer Kasten, ohne in diesem Moment darüber nachzudenken, dass Dennie nie wissen würde, was eine Farbe ist.
»Blau«, flüsterte er leise vor sich hin. »Eine blaue Box«, sagte er noch einmal. »Wir werden das Ding hier Blue Box nennen.«
»Gut«, nickte ich. »Blue Box gefällt mir.«
Dennie lachte glücklich, und ich konnte nicht anders, als sein Lachen zu erwidern. Es war ein gutes Gefühl, ihm eine solche Freude gemacht zu haben.
Ich hatte ein neues Hobby entdeckt - das »Blue Boxing«, wie ich es von nun an nannte. Es boten sich mir dadurch weit mehr Möglichkeiten, als nur kostenlos zu telefonieren. Wählte man zum Beispiel eine Nummer, die besetzt war, konnte man sich mit einer bestimmten Frequenz in fremde Telefonate einschalten. Mir dieser Methode, die man auch »Tab Into«, nannte, war es möglich, jede besetzte Leitung zu übergehen und sich in bereits laufende Gespräche einzumischen oder einfach nur zuzuhören. Mir wurde die Macht des Blue Boxings bewusst. Banken, Militärhauptquartiere oder private Haushalte, das ganze Telefonnetz war für mich abhörbar geworden.
Ich war nicht unbedingt voyeuristisch veranlagt, doch manchmal konnte ich mich nächtelang in die unterschiedlichsten Telefonate einklinken und einfach nur zuhören. Selbst wenn die Gespräche der Leute, die ich belauschte, zum größten Teil alles andere als interessant waren, saß ich oft stundenlang vor dem Telefon und suchte nach besetzten Leitungen. Alte Damen, die sich über die Sorgen amerikanischer Prominenz Gedanken machten, Geschäftsleute, die mit Aktien spekulierten und wichtige Termine vereinbarten. Ich blickte in jedes Gespräch wie durch eine polierte Fensterscheibe.
Mir war bewusst, dass ich dieses Geheimnis für mich behalten musste. Mein bester Freund Martin aus Long Island, den ich noch aus der Militärzeit kannte, war der einzige, dem ich es anvertraute. Obwohl er meine technische Begeisterung nicht teilte, begannen wir gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen.
Einer unserer ersten großen Funde war das System Los Gatos von General Telephone. Hier konnte man ganz einfach Frequenzen durch die Leitung schicken, ohne überhaupt eine freie 1800er-Nummer wählen zu müssen. Los Gatos war das Paradies für jeden Telefonhacker, zu denen wir geworden waren.


MüSli

Im Laufe der Zeit entdeckten Martin und ich immer weitere Möglichkeiten, die Schwächen der Telefongesellschaften für unsere Zwecke zu nutzen. Beispielsweise war es möglich, interne Gespräche der Telefonanbieter mitzuverfolgen. Zufällig fand ich heraus, wie man sich in bestimmte Konferenzen der Telefongesellschaft Ma Bell einschmuggeln konnte. Wenn man die Nummer 604-2111 wählte und einen 2600-Hertz-Ton durch den Hörer jagte, passierte zunächst nichts. Sendete man diesen Ton aber erneut, war man plötzlich in einer Telefonkonferenz der Angestellten, die sich ungestört glaubten, kein Blatt vor den Mund nahmen und sogar über neueste Entwicklungen sprachen. Spannender waren in dieser Hinsicht jedoch die Telefon-Konferenzräume der Ingenieure, die sich meist über Schwachstellen im Telefonnetz berieten. Dadurch brauchte ich mich überhaupt nicht mehr anzustrengen, denn die Ingenieure verrieten mir die besten Tricks, ohne es zu merken.
Ich fühlte mich Dennie gegenüber verpflichtet und rief ihn an, um ihm von dieser Entdeckung zu berichten. Wir hatten uns eine Weile nicht mehr gesprochen und so war ich gespannt, was er Neues herausgefunden hatte.
»Wahnsinn«, schrie er durch den Hörer und lachte.
»Tut es meine Blue Box noch, die ich für dich gebastelt habe?«, fragte ich.
»Klar«, antwortete er. »Ich benutze das Ding aber nur noch selten.«
»Hast du was Besseres gefunden?«
»Das kannst du laut sagen«
Ich bat ihn, sich nicht alles aus der Nase ziehen zu lassen, und er erzählte mir irgendetwas von einer Müslipackung.
»Cap'n Crunch-Müslibox?« fragte ich ungläubig.
»Ja, da ist diese Woche eine kleine Pfeife drin und ...«
»Moment, Moment ...«, unterbrach ich ihn. »Du erzählst mir, dass du die Frequenzen mit einer Pfeife aus einer Cap'n CrunchMüslipackung pfeifen kannst?«
Dennie lachte nur, seine Geschichte klang ziemlich absurd, dennoch lief ich gleich los und besorgte mir eine Packung Cap'n Crunch. Als ich sie aufriss, lag obenauf eine kleine Spielzeugpfeife. Ich schmunzelte. Wenn das wirklich funktionieren sollte, würde mir das kein Mensch auf der Welt abnehmen.
Und tatsächlich: Diese Spielzeugpfeife aus der Müslipackung von Cap'n Crunch entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu unserem Hauptwerkzeug als Telefonhacker. Die Rufnummer 604-2111 wurde zu unserer Stammnummer. Mit der Cap'n Crunch-Pfeife als ständigem Begleiter schmuggelten wir uns täglich in die Leitung, um den Angestellten bei ihren faszinierenden Enthüllungen unbemerkt über die Schulter zu schauen.
Zwar fand ich heraus, dass die wesentlich hübschere »Oscar Meyer Wiener-Pfeife«, die man in fast jedem Spielwarenladen kaufen konnte, ebenfalls diesen Ton erzeugte, doch Cap'n Crunch diente mir ja nicht nur als Hackertool, sondern auch als leckeres Frühstück, und so blieb ich einfach dabei.
Nach einiger Zeit entwickelten Martin und ich eine Dreistigkeit sondergleichen, und jegliche Diskretion ging verloren. Da uns beiden ständig Fragen auf der Zunge brannten, scheuten wir bald nicht mehr davor zurück, uns selbst als Angestellte auszugehen und uns so aktiv in Gespräche einzumischen. Nach und nach weihten wir weitere Freunde ein, die wiederum ihre Freunde einweihten ...

Neben Martin und mir, die sozusagen der ersten Generation der Telefonhacker angehörten, gab es noch jemanden in Memphis, drei Leute in Los Angeles, einen in San Rafael und fünf in San Jose - darunter auch Frank Buck und Stacy Brown, wobei Stacy ein Hobby-Bombenbastler war, den Frank eingeweiht hatte. Wir trafen uns regelmäßig in einem eigenen Konferenzraum und nutzten dabei die Nummer 604-2463, die ich unbemerkt von der Telefongesellschaft erbeutet hatte. So konnten wir sicher sein, dass diese Nummer allein von uns genutzt wurde. Den Zugang zur Leitung konnte man ebenfalls nur durch bestimmte Frequenzen erlangen. Wir tauschten unser Wissen aus, indem wir uns etwa Baupläne und Entwürfe auf dem Postweg zuschickten, um sie später im Konferenzraum zu diskutieren. Um unser Geheimnis zu wahren, vereinbarten wir, dass unsere Gruppe auf gar keinen Fall wachsen durfte. Und sie blieb tatsächlich für ein paar Monate unverändert. Trotzdem wollten wir ganz sicher gehen und beschlossen, uns im Konferenzraum nur mit Pseudonymen anzusprechen. Für meinen Namen musste ich nicht lange überlegen. Ich nannte mich »Cap'n Crunch«


eRSte Busts

Irgendwann im Frühling des Jahres 1972 rief einer von Dennies blinden Freunden an und machte mich auf einen Artikel in der »San Jose Mercury« aufmerksam. Ich kaufte mir die Zeitung sofort und las dort einen Bericht über einen Typen namens W. Collas, der versucht hatte, Blue Boxes an Mitglieder organisierter krimineller Gruppen zu verkaufen. Er hatte sich dabei so dämlich angestellt, dass das FBI keine sonderlich große Mühe hatte, ihn festzunehmen. Nach jeder Zeile, die ich las, musste ich kurz innehalten, um mich zu beruhigen. Ich war entsetzt darüber, wie jemand so offensichtlich Spuren hinterlassen konnte. Als wir Stacy in einer unserer Konferenzen zur Rede stellten, gestand er, Informationen an Dritte weitergegeben zu haben.
Ich konnte es nicht fassen. Stacy hätte die Informationen auch direkt ans FBI weitergeben können, das hätte den selben Effekt gehabt. »Ein bescheuerter Bombenbastler«, ging mir immer wieder durch den Kopf. Ich hätte wissen müssen, dass das nicht lange gut gehen konnte.
Es stellte sich jedenfalls heraus, dass Collas einer von Stacys Bekannten war. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, gestand er dem FBI alles und erklärte ihnen, wie Blue Boxing funktionierte. Zwar wusste er nichts von unserer kleinen Gruppe und konnte uns somit nicht verraten, dennoch wurden die Ma Bell Sicherheitsleute alarmiert, was mich ernsthaft beunruhigte. Collas schlug Ma Bell sogar eine Vereinbarung vor, die ihn mit einer respektablen Summe zum Stillschweigen über deren Sicherheitsdefizite verpflichten sollte. Die Telefongesellschaft ging jedoch nicht darauf ein. Man versprach sich mehr Erfolg von einer Bestrafung. Um sich zu rächen, kontaktierte Collas den freien Journalisten Ron Rosenbaum. Dieser verfasste schon bald einen Sensationsbericht mit der Überschrift »Das Geheimnis der kleinen Blue Box«, in dem er sämtliche Schwachstellen von Ma Bell sowie die Methoden zum Erhacken des Telefonsystems erläuterte. Somit kannte nun jeder, der diesen Artikel gelesen hatte, unser Geheimnis. Zunächst fingen nur einige Studenten an, selber Blue Boxes zu basteln. Bald breitete sich das Blue Boxing aber wie ein Lauffeuer aus, und die Schäden der Telefongesellschaft stiegen ins Unermessliche.
Da die Privatsphäre eines jeden einzelnen beim Telefonieren nicht mehr gewährleistet werden konnte, war die Öffentlichkeit natürlich beunruhigt. Jeder hatte Angst, bespitzelt zu werden, und man übte starken Druck auf die Telefongesellschaften aus. Auf Seiten der staatlichen Ermittlungsbehörden wurden spezielle Abteilungen gegründet. Ihre Aufgabe war es, alle Schwächen von Ma Bell zu untersuchen und möglichst schnell Lösungen zur Behebung der Probleme zu präsentieren. Ma Bell stand von einem Tag auf den anderen im Kreuzfeuer der Kritik. Selbst die Behörden setzten die Telefongesellschaft unter Druck und forderten, dem Abhören und Manipulieren der Leitungen schnellstmöglich ein Ende zu setzen. Das gesamte Equipment neu zu installieren, hätte neben den immensen Kosten Jahre in Anspruch genommen. So lag der erste Schritt recht nahe: man begann damit, die Leitungen zu den Hackern zurückzuverfolgen. Die Jagd auf die PhoneFreaks begann. Die Anzahl der Anklagen gegen Telefonbetrüger stieg. Fast immer, wenn ich die Leitung aufschlug, entdeckte ich neue Schlagzeilen und Artikel, in denen von Hausdurchsuchungen und Verhaftungen berichtet wurde. Ich brauchte mir nichts vorzumachen. Das Geheimnis, das mittlerweile keines mehr war, zog immer größere Kreise, die ich längst nicht mehr überblicken konnte.


DeR aRtikeL

Im Sommer 1974 schnüffelte Ron Rosenbaum schließlich auch in unserer Gegend herum und nahm Kontakt mit den blinden Kids auf, um sie zu interviewen. Unglücklicherweise hörte ich erst nach denn Interview davon. So konnte ich meine Freunde nicht rechtzeitig warnen, meinen Namen gegenüber diesem Reporter nicht zu erwähnen. Ron kontaktierte daraufhin auch mich, und ich stimmte, wenn auch ungern, einem Treffen zu.
Das Gespräch mit Ron verlief äußerst schlecht. Ich bemerkte schnell, dass ihm Dennie und seine Kumpels offensichtlich schon alles Wissenswerte über Blue Boxing erzählt hatten. Ron blieb eine Weile. Obwohl ich versuchte, ihm klarzumachen, wie sensibel dieses Thema sei und dass ich mich mittlerweile aus der Geschichte ausgeklinkt hatte, wurde der Artikel schon einige Tage später abgedruckt, ohne von mir auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft worden zu sein. Ich eilte zum nächsten Zeitungsstand und las geschockt und enttäuscht einen Artikel, der völlig aufgebauscht war. Ich wurde mit vollem Namen erwähnt und zum König der Phreaker gekrönt. Nun war ich mir sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis das FBI auch mir einen Besuch abstatten würde. Am selben Tag noch vernichtete ich alle meine Notizen und Gerätschaften, die für das FBI brauchbare Beweismittel darstellen konnten, und beendete sämtliche Aktivitäten auf dem Telefonsektor.
Wochenlang wartete ich auf ein Klopfen an der Tür, auf einen Besuch des FBI. Die Angst war mein ständiger Begleiter. Ich wusste, dass auch ich früher oder später an der Reihe sein würde. Rings um mich herum mehrten sich die Hausdurchsuchungen und Verhaftungen von Bekannten und Freunden. Insgeheim hoffte ich zwar, man würde mich vergessen oder übersehen, doch die Wahrscheinlichkeit war nicht sonderlich groß. Ich redete mir ein, dass ich der Sache gelassen gegenüberstehen konnte. Ich glaubte gegen Vorwürfe gewappnet zu sein, da ich alle Beweise vernichtet hatte. Um dem Stress und der Ungewissheit zu entfliehen, vertiefte ich mich in mein Studium.
Es dauerte länger als ich angenommen hatte, doch dann war es soweit. Innerhalb weniger Stunden bekam fast der gesamte engere Freundeskreis Besuch vom FBI. Die vier Leute in Seattle, drei in San Jose - darunter auch Stacy Brown - und alle fünf Leute aus Los Angeles wurden in einer Blitzaktion gebustet. Als Beweismaterial knallte das FBI den Leuten eine endlose Liste mit angezapften Telefonleitungen auf den Tisch. Damit hieß es für mich nur noch abwarten. Trotzdem vergingen erneut einige Monate. Das letzte Signal gab die Verhaftung meines Freundes Martin in Long Island. Das FBI beschlagnahmte sein komplettes Equipment und stellte seine Wohnung derart auf den Kopf, dass sie danach nicht wiederzuerkennen war. Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Es wäre ein Eingeständnis meiner Schuld gewesen, hätte ich mich freiwillig gemeldet. Der Gedanke, dass man etwas gegen mich in der Hand haben könnte, raubte mir den letzten Rest meines spärlichen Schlafs. Würde es reichen, um mich zu verurteilen? Und wenn ja, was für eine Strafe würde mich erwarten? Immerhin hatte ich seit über fünf Monaten meine Aktivitäten eingestellt.


Die VeRHaftUNG

Um mir nicht unnötig den Kopf darüber zu zerbrechen, was auf mich zukommen würde, arbeitete ich am Tag nach Martins Verhaftung mehr denn je zuvor für mein Studium. Nach der Uni fuhr ich auf dem gewohnten Weg zur Arbeit. Ich hielt neben dem Seven-Eleven-Laden, um etwas einzukaufen, als plötzlich ein Wagen neben mir bremste. Ein weiterer kam unmittelbar hinter meinem zum Stehen. Vier Typen in Anzügen sprangen heraus und rannten auf mich zu. Während sich meine Aufmerksamkeit noch auf diese Leute richtete, packten mich zwei Beamte von hinten und pressten mich kräftig gegen meinen Wagen. Man las mir meine Rechte vor und legte mir Handschellen an. In gewisser Weise war ich erleichtert, als ich auf dem Weg zum Verhör im FBI-Dienstwagen saß. Meine Nervosität schien mit jedem Meter, den wir unserem Ziel näher kamen, zu schwinden.
Man brachte mich zum Santa Clara County, wo ich drei Tage in Untersuchungshaft saß. Mir wurde Gebührenmanipulation und Betrug vorgeworfen. Die FBI-Agenten hatten genug Beweise in Form von Telefongesprächen und Zeugenaussagen gesammelt, um die Anklage zu untermauern. Meine Verbindung zu Martin wurde bis zu unserer Militärzeit zurückverfolgt und mit Aufzeichnungen unserer Telefongespräche belegt. Das FBI hatte sich schon vor Monaten in unsere Konferenz eingeschaltet, nur hatten sie damals noch nichts unternommen. Ich erschrak, als man mir die Protokolle unserer Gespräche vorlas. Es war jetzt schon fast ein Jahr her. Der Name »Cap'n Crunch« fiel in fast allen Aussagen. Auch von Leuten, von denen ich nie etwas gehört hatte. Das FBI wusste schon lange, dass ich mich hinter diesem Namen versteckte. Selbst die Eltern von Dennie hatten ausgesagt, dass ich verantwortlich für die Gerätschaften sei, die ihr Sohn für seine Aktivitäten benutzte, was nicht ganz falsch war. Dennie und seine Freunde konnten glücklicherweise aufgrund ihres Alters nicht belangt werden, was mich sehr erleichterte. Ich brauchte einige Zeit, um die unberechtigten Vorwürfe gegen mich erfolgreich zu dementieren. Das FBI hatte danach zwar nicht viele, dafür aber äußerst relevante Beweise gegen mich in der Hand. Das reichte ihnen, und ich wurde aus der Untersuchungshaft entlassen.
Draußen wartete ein Journalist der San José Mercury auf mich und bot mir an, mich zu meinem Wagen zu fahren, der immer noch auf dem Seven-Eleven-Parkplatz stand. Ich nahm das Angebot an, beantwortete ihm jedoch keinerlei Fragen und gab ihm auch keine Informa-tionen über meinen Aufenthalt im Santa Clara County. Ich stritt einfach alles ab und fuhr schließlich nach Hause.
Als ich ankam, hatte das FBI bereits alles durchwühlt. Mein gesamtes Equipment, mein Transmitter, der nichts mit Blue Boxing zu tun hatte, mein Rechenschieber und sämtliche Unterlagen für das Studium waren konfisziert worden.
Es dauerte weitere fünf Monate, bis die Verhandlungen endgültig abgeschlossen waren. Während des Prozesses kam sogar zur Sprache, dass ich der Telefongesellschaft Ma Bell durch meine Spielereien einen höheren Stromverbrauch und damit auch höhere Kosten beschert hätte. Darüber hatte ich mir verständlicherweise überhaupt noch keine Gedanken gemacht. Auch die Schäden, die anderen Telefongesellschaften durch das Blue Boxing entstanden waren, wurden mir in Zahlen vorgelegt. Es ging um Millionen von Dollar. Man versuchte mich für die Aktivitäten aller »Phreaker« verantwortlich zu machen, was natürlich nicht möglich war. Aber es gelang der Anklage zumindest durchzusetzen, dass dies bei Erwägung des Strafmaßes mit berücksichtigt wurde. Schließlich verurteilte man mich zu fünf Jahren Bewährungsstrafe, von denen drei Monate im Gefängnis von Lompoc abzusitzen waren.


im kNast

Der Aufenthalt in Lompoc erinnerte mich an meine Zeit beim Militär. Lompoc hatte eine Menge Ställe, und es kam mir an manchen Tagen so vor, als sei ich in einem Zoo inhaftiert. Der erste Job, den ich dort hatte, war in der »Schweinerei«. Das bedeutete Schweine füttern und darauf aufpassen, dass sich keiner der anderen Häftlinge unerlaubt ein Schweinesteak zum Abendessen zubereitete. Als ich bemerkte, dass den restlichen Häftlingen diese Arbeit zuwider war, meldete ich mich freiwillig, um von den anderen nicht gleich aufs Korn genommen zu werden. Außerdem liebe ich Tiere. Ich habe schon in meiner Kindheit gern auf Farmen geholfen und Schweine aufwachsen sehen. Als die Wärter merkten, dass ich etwas von Schweinen verstand, konnte ich meine Arbeit im Stall ohne Aufsicht verrichten. Nach einiger Zeit wurde mir diese Arbeit zu langweilig, so dass ich den Schweinen mit einem Stift die Namen einiger Gefängniswärter und des Richters, der mich verurteilt hatte, verpasste. Bei einer spontanen Inspektion wurden diese Namen entdeckt, und man wies mir eine Arbeit im Freien zu. Dort musste ich Rasen mähen, Hecken schneiden und die Felder auf Vordermann bringen. Da das Gefängnis sehr nah an der Vandeburg Air Force Base lag, wurde ich fast täglich Zeuge faszinierender Raketenstarts.
Man verbrachte in Lompoc den größten Teil des Tages damit, die zugeteilten Arbeiten zu verrichten. Die restliche Zeit konnte man draußen, in seiner Stube oder mit den anderen Häftlingen in Sport- und Handwerksräumen verbringen. Das Gefängnis finanzierte sich durch die Arbeit der Häftlinge, und aus diesem Grund gab es eigentlich immer etwas zu tun. Bei den meisten Leuten hier handelte es sich um Versicherungs- und Finanzbetrüger. Viele waren aber auch Komplizen von Kapitalverbrechern, die sich glücklich schätzen konnten, in diesem Ferienlager untergekommen zu sein. Das Verhalten der Wärter war nicht schwer vorauszusehen. Im freien Feld war man nicht ständig unter Beobachtung, und es gab etliche Möglichkeiten, aus dem Gefängnis auszubrechen, wenn man wollte. Es hieß jedoch, dass nur Idioten versuchen würden, aus Lompoc auszubrechen. Denn bei einer erneuten Verhaftung musste man mit einer längeren Strafe in einem Sicherheitsgefängnis unter echten Kriminellen rechnen. Alle, ich eingeschlossen, wollten hier einfach nur ihre Strafe absitzen.
Das erste, was ich mir anschaffte, war selbstverständlich ein Radio. Ich konnte meine Finger einfach nicht davon lassen und begann damit, es ein wenig zu modifizieren. Es machte wieder Spaß, mich mit Radios zu beschäftigen, und nach etwas Arbeit konnte ich mit meinem Gerät die Funk-Frequenzen der Wärter anpeilen und abhören.
Um Telefongespräche zu führen, benutzte ich eine Methode, die sich »Looping« nannte. Das war wichtig, da das Telefon im Gefängnis nur Telefonate zu bestimmten Nummern erlaubte, die von der Gefängnisleitung registriert wurden. Mit »Looping« war es möglich, eine Nummer anzuwählen, sich von dort aus unbemerkt weiterzuverbinden, um dann ins freie Telefonnetz zu gelangen. Dazu brauchte man eine sogenannte »Cheese Box«, die sich aus einem Radio zusammenbasteln ließ. Ohne die Unterstützung einiger Häftlinge, die die technischen Gerätschaften des Gefängnisses verwalteten, wäre es mir nicht möglich gewesen, die nötigen Werkzeuge zu beschaffen. Als Gegenleistung gab ich mein Wissen an alle Interessierten weiter. Wir taten uns so gegenseitig einen Gefallen, was mir die Gewissheit gab, nicht als sogenannter »Snitch« abgestempelt zu werden. Mir wurde schnell klar, was auf mich zukommen würde, wenn ich auch nur daran dächte, mein Wissen nicht mit den anderen zu teilen. Es hieß nämlich, dass »Snitches« entweder umgebracht würden oder sich wünschten, tot zu sein.
Montags, mittwochs und freitags abends gab es Nachhilfeunterricht in Blue Boxing. Unsere Unterrichtsräume waren der Sportplatz oder der Rasen draußen auf dem Gefängnishof. Meine Schüler hatten immer Papier und Bleistift dabei und machten fleißig Notizen. Ich erklärte ihnen genau, was man alles braucht, um eine »Cheese Box« zu basteln, und wie man damit umgeht. Es war wie in der Schule. Wenn jemand etwas fragen wollte, hielt er kurz, für die Wärter nicht sichtbar, den Finger nach oben und begann zu sprechen. Das große Lernziel war, das ganze Equipment zu nutzen, ohne dabei erwischt zu werden. Hin und wieder gab es unter den Inhaftierten auch Leute, die sich mit technischem Gerät auskannten. Ihnen erklärte ich, wie man selbst Fehler-Detektoren bastelt, um weitere Schwachstellen bei den Telefongesellschaften aufzuspüren. Ich entwickelte mich zu einem guten Lehrer, dem man aufmerksam zuhörte. Es war für mich nicht immer leicht, Leuten, die teilweise kaum lesen und schreiben konnten, alle diese Sachen beizubringen. Ich bemühte mich, verwirrende Erklärungen zu vermeiden, hielt mich an die einfachen und essentiellen Dinge und übte mich in Geduld.
Von den Wärtern ging keine allzu große Gefahr aus. Wenn wir draußen auf dem Sportplatz saßen, war es aufgrund der Lautstärke unmöglich, uns von weitem zuzuhören. Wenn sich ein Wärter näherte, wechselte ich einfach das Thema, je nachdem, was mir gerade in den Sinn kam.
Nach einer besonders komplizierten Unterrichtsstunde kam ich völlig erschöpft in meine Zelle, um mich etwas hinzulegen. Ich schmiss mich in Sträflingskleidung auf mein Bett und blickte verträumt an die Decke. Nach kurzer Zeit kam ein Wärter zu mir. In seiner Rechten hatte er mein Radio und hielt es mir mit einem großen Fragezeichen im Gesicht unter die Nase. Ich schluckte.
»Ja?«, fragte ich.
»Funktioniert das Radio hier?«, fragte er mich, während er das Gerät wild hin und her zu rütteln begann.
Ich nickte. Er hätte es sich sowieso nicht nehmen lassen, es selbst auszuprobieren, wenn ich verneint hätte. »Heute abend ist ein Baseballspiel«, sagte er dann. Ich atmete erleichtert aus. »Ich leihe mir das Ding mal aus, wenn es geht, ja?« Ich blickte ihn freundlich an. Was sollte ich dazu sagen? Ich konnte sicher sein, dass dieser Wärter zu meinem ärgsten Feind geworden wäre, hätte ich ihm diesen Wunsch verwehrt.
»Morgen bringe ich es wieder zurück.«
Ich lächelte ihn immer noch freundlich an. Ich musste ihm das Radio ausleihen, gar keine Frage.
»Sicher«, sagte ich in der Hoffnung, dass meine Manipulationen unentdeckt bleiben würden.
Obwohl ich einige Veränderungen an dem Gerät vorgenommen hatte, war es kaum von einem gewöhnlichen Radio zu unterscheiden. Man konnte damit nach wie vor jeden Sender empfangen. Wären meine Modifizierungen entdeckt worden, hätte ich meinen restlichen Aufenthalt in Lompoc wohl ohne Radio verbringen müssen. Das wusste ich und hatte darum jede Veränderung an meinem Radio mit reiflicher Überlegung vorgenommen. Man musste schon wissen, welchen Knopf man wie drücken musste, um die erweiterten Möglichkeiten nutzen zu können. Der Wärter bedankte sich freundlich und ging mit meinem Radio fort. Schlafen konnte ich jetzt nicht mehr.
Am nächsten Tag brachte er mir das Gerät ohne Beanstandung zurück. Ich war erleichtert. Aufgrund seines Mangels an technischem Wissen war ihm nicht aufgefallen, dass das Radio von Empfang auf Senden umgeschaltet werden konnte und sogar Frequenzen seines Walky-Talkys abhörte.
Die Häftlinge wussten meine Talente zu würdigen. Einige hatten sogar die Baupläne aus dem Englischen ins Spanische übersetzt. Als dann die ersten Häftlinge ihre eigene Cheese Box gebastelt hatten und damit erfolgreich telefonierten, datierte es nicht lange, bis fast alle Insassen einen solchen Kasten bei sich in der Zelle stehen hatten. Anfangs machte ich mir deshalb noch Gedanken. Ich wusste schließlich, was passieren konnte, wenn zu viele Leute in ein Geheimnis eingeweiht waren. Doch zumindest in dieser Hinsicht funktionierte der Zusammenhalt im Gefängnis vorbildlicher als in der freien Welt. Teilweise bildeten sich Schlangen vor den Telefonen. Die Häftlinge riefen ihre Verwandten und Freunde an, die sie seit Jahren nicht mehr gesprochen hatten.
Dadurch hatte ich bei den anderen Häftlingen bald einen ganz besonderen Status inne. Ich geriet nie in irgendwelche Auseinandersetzungen. Und sobald mich ein Häftling auch nur schräg anschaute, waren sofort zwei andere zur Stelle, die dem Querulanten noch einmal deutlich machten, wie wichtig ich für sie war. Außerdem bekam ich bei der Arbeitszuteilung nun die einfachsten Jobs von den leitenden Häftlingen zugeteilt. Die restliche Zeit im Gefängnis verlief dementsprechend unproblematisch und ruhig für mich. Die dreißig bis fünfzig Leute, die nun alles über Blue Boxing, Looping, Cheese Box und den Bau eines modifizierten Radios zum Abhören der Funksprechanlagen der Direktion wussten, gaben ihr Wissen großzügig an die anderen weiter. Der Tag meiner Entlassung war bei vielen Insassen im Kalender rot angestrichen.

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