Teil 2:»Ich habe das als Job
angesehen. Dadurch, dass ich diesen Leuten zugehört habe, bekam ich so ziemlich alles mit, was in der Scene abging. Ich bekam beispielsweise Passwörter von Computern der Telefongesellschaften. Und es ging noch weiter. Die Maronen sind
übrigens fantastisch. Die Typen haben auf meiner Partyline über Möglichkeiten geredet, wie man Kreditkarten und Telefonkarten selber herstellen kann. Ich habe mir dann das Equipment besorgt und mich an die Arbeit gemacht. Nach ein paar
Wochen hatte ich meine erste Kreditkarte und konnte Calling-Card-Nummern selber erhacken. Die habe ich dann schließlich unter falschem Namen über meine eigene Partyli e verkauft.«
»Wieviel Geld haben Sie damit verdient?«
»Einiges. Ich verkaufte den Leuten sogar Nummern, die nicht funktionierten. Es waren natürlich auch Einsteiger dabei, die einfach nur Lust hatten, mal was Illegales zu tun. Die haben mir dann blind jede Information abgekauft, ob sie
taugte oder nicht.«
»War das nicht Betrug?«
»Nö. Die haben nach illegalen Informationen verlangt. Ich habe denen etwas gegeben, womit sie nichts anfangen konnten. Das ist doch völlig legitim gewesen. Irgendwie fehlt da noch
Salat.«
Kimbles Hand huscht wieder nach oben, der Kellner schnellt an unseren Tisch heran.
»Ich nehme noch den Mona-Lisa-Salat.«
Sicher«, sagt der Kellner und dreht seinen Kopf zu mir. »Für Sie noch ein Glas Wasser?«
»Nein danke, ich melde mich schon«, winke ich lächelnd ab.
»Wie kann Ihnen die Polizei auf die Spur?«, frage ich, als der Kellner wieder weg ist.
»Irgendjemand von der Scene muss für einen Rechtsanwalt gearbeitet
haben. Der hatte nichts mit der Partyline zu rum. Der interessierte sich nur für die Warez in meiner BBS. Daher kam der Hausdurchsuchungsbefehl. Die Polizei wollte nur meine Mailbox und die Warez mitnehmen. Das wäre alles nicht so
schlimm gewesen, wenn in meinem Zimmer nicht noch Hunderte von gefälschten Kredit- und Telefonkarten herumgelegen hätten.«
»Die wollten Sie verkaufen«, frage ich und merke gleich, dass ich mir die Frage hätte sparen können.
»Nein, die wollte ich an die Wand hängen«, kommt es wie aus der Pistole geschossen. »Mensch, natürlich verkaufen, was denn sonst. Die Polizei hat alles mitgenommen. Damit hatte ich Telefon- und Kreditkartenbetrug am Hals.« Kimble schaut
sich noch einmal um. »Aber«, flüstert er plötzlich geheimnisvoll und streckt dabei seinen Kopf nach vorne über den Tisch. »Das war das Beste, was nur passieren konnte!«
»Ihr Mona-Lisa-Salat.« Ein Teller wird zwischen uns auf den 'fisch geschoben.
»Wieso das?«, flüstere ich verwundert zurück.
Kimble reißt den Salat an sich. »Als die Staatsanwaltschaft mich wegen Kreditkartenbetrugs
anklagen wollte«, kichert er, »hatte ich ganz andere Sorgen als die paar Warez, die man bei mir gefunden harte. Dieser Rechtsanwalt, der Urheber vertrat, musste sich hinten anstellen. Weil der Anwalt in der selben Stadt wohnte wie ich,
kam dann ein persönlicher Kontakt zustande. Er merkte sofort, dass ich eine Menge Insiderwissen besaß, und schlug mir einen Deal vor. Ich sollte ihm helfen, an weitere Systeme mit Warez zu gelangen. Ich hatte Zugang zu fast allen Boards
in Deutschland. Und dafür hat er mich dann bezahlt. Später hat er mich sogar bei den Anklagen wegen Kreditkartenbetrugs unterstützt. Plötzlich war ich auf der legalen Seite und verdiente gutes Geld damit.«
»Was sagten Ihre Szenekumpels dazu?«
»Die fanden den Besuch der Polizei natürlich nicht so toll. Was soll's. Ich glaube, fast jeder Systembetreiber, den ich kannte, wurde belangt.«
»Damals hat das ZDF einen Bericht über Sie
gebracht. War das das erste Mal, dass Sie sich in der Öffentlichkeit gezeigt haben?«
»Kann schon sein. Plötzlich hatte ich im Fernsehen einen Auftritt nach dem anderen. Ich wurde zu einer Art Hackerberühmtheit!«
Ich
versuche seiner Prahlerei keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. »Hat die Szene ihnen nicht gedroht?«
»Ach, die Scene. Die verstecken sich alle nur hinter ihren kleinen Computern und denken, sie seien die Größten. Ich wollte Geld
machen und nicht mit dem Computer pöbeln, bis ich in irgendeiner Gosse lande. Die hatten mich außerdem in diesen Schlamassel hineingebracht. Also war es auch okay, dass ich sie später der Polizei ausgeliefert habe. Außerdem kommt jetzt
das Beste: Die Staatsanwaltschaft hat das als eine Wiedergutmachung akzeptiert. Daher wurde in meinem Fall keine Anklage erhoben. Es hätte nicht besser kommen können.«
»Wie ging es weiter?«
„Also, da war so ein Typ, den ich
auf Umwegen kannte. Der hat damals erzählt, er könne über das D1-Netz auf fremde Kosten telefonieren. Er kam zu mir, hat sich mit einem Laptop und seinem selbstgebastelten Equipment zu mir gesetzt und ließ mich mit meinem Handy
telefonieren.«
Kimble fängt an in seinem Salat herumzustochern. Wortlos reiche ich ihm Essig und Öl. »Das war der berühmte GSM-Hack!«, sage ich und streiche wieder ein Fragezeichen von meinem Notizblock.
»Exakt, das war der berühmte GSM-Hack.«
»Wie funktionierte das?«
»Also, ganz kurz und simpel. Im Prinzip sendet beispielsweise das D1-Handy ein verschlüsseltes Signal an die Zentrale. Mit Hilfe bestimmter Geräte kann man
dieses Signal stören. Wenn dies geschieht, versucht das Handy das Signal erneut zu senden. Diesmal unverschlüsselt. Jetzt kann man das Signal abfangen und speichern. Dann überträgt man diese Informationen auf eine selbst hergestellte
D1-Karte und telefoniert damit.«
Ich nicke und mache wieder ein großes Fragezeichen hinter »GSM-Hack«
»Das klingt sehr einfach«, lüge ich. »Kann ich das auch?«
»Vielleicht im nächsten Leben!«, antwortet er
überheblich. »So einfach ist das nicht. Dieser Typ, der das geschafft hat, war ein Genie. Ich wollte ihm sogar Geld dafür zahlen, dass er mir das zeigt.«
Das letzte Salatblatt wandert in Kimbles Mund. »Aber der Typ wollte gar kein
Geld. Das war einer von den Leuten, die der Meinung waren, man müsse die Öffentlichkeit aufklären, so eine Art Cyber-Lucky-Luke. Ich habe ihm erzählt, dass ich alles publik machen würde. So dachte er, ich würde ihm helfen wollen. Dann
gab er mir alle Informationen.«
»Was haben Sie mit den Informationen gemacht?«
»Die habe ich für teures Geld verkauft. Zunächst wollte ich wissen, ob der Chaos Computer Club etwas davon wusste. Ich ging auf der CeBIT zu
einem Chaos-Typen und habe ihm davon erzählt. Der wollte aber nicht kooperieren. Das tun die nie mit Hackern, die nicht die gleichen Ideale vertreten wie sie.« Lächelnd deutet Kimble auf sein Handgelenk, an dem nach einem kurzen
Schütteln wieder die Uhr erscheint. »Erst später erfuhr ich dann, dass die nichts über die Schwachstellen von D1 wussten. Diese Penner liefen sofort zur Presse und gaben alle Informationen, die sie von mir hatten, an die Weltwoche
weiter. Und die haben das am nächsten Tag gebracht. Prompt bekam ich einen Anruf von DeTeMobil. Von einem Herren, dem ich klar machte, dass die Chaos-Typen nichts damit zu tun haben.«
»Hätten Sie nicht besser sagen sollen, dass
Sie nichts mit der Sache zu tun haben? Das wäre doch sicherer gewesen.«
»Ganz im Gegenteil. Ich habe dem Komiker erzählt, dass ich genau weiß, wie man deren System überlistet.«
»Warum hat er Sie nicht sofort der Polizei übergeben?«
»Du scheinst nicht zu verstehen, wie so etwas abläuft. Ich habe dem gesagt, entweder er kooperiert mit mir, oder er kann die ganze Geschichte nächste Woche im Spiegel lesen.
So wäre ich auch noch dem Wunsch von Lucky Luke nachgekommen.«
»Und er ging darauf ein?«
Kimble nimmt seine Gabel vom Tisch und spielt damit herum. »Und wie er darauf einging!«, sagt er und klopft mit der Gabel auf den
Tisch. »Die hatten bereits viel Ansehen durch den Artikel in der Weltwoche verloren. Dabei waren da die technischen Mängel nicht einmal genau erläutert worden. Was glaubst Du, was das Unternehmen gemacht hätte, wenn plötzlich auch noch
der Beweis geliefert worden wäre? Die hätten einpacken können. Niemand hätte mehr D1-Handies gekauft.«
»Das ist hart.«
»So ziemlich. Danach haben wir uns getroffen. Ich nahm mehrere Rechtsanwälte mit. Die D1-Typen haben mir
einen Beratervertrag vorgeschlagen. Darin stand in groben Zügen, dass ich ab sofort den Berater in Sachen Sicherheit spielen sollte. Dafür bekam ich dann eine Menge Geld. Um die fünfzehntausend Euro im Monat.«
»Als Berater haben Sie sicherlich viel dazugelernt.«
Kimble schüttelt lachend den Kopf. »In dem Vertrag stand noch drin, dass ich niemanden über die technischen Möglichkeiten Auskunft geben durfte. Klar, dass so etwas in einem
Vertrag steht, wenn man mit firmeninternen Dingen herumhantieren soll. Darum ging es letzten Endes. Ich sollte einfach nur den Mund halten. Offiziell war ich Berater. Beraten habe ich niemanden.«
»Sie haben ein Einkommen im Monat gehabt, ohne etwas zu tun?«
»Nun, ich habe dem Spiegel nichts erzählt, oder?«
»Haben die ihre Systeme danach verbessert?«
»Das ist mir ziemlich egal, was die dann letztendlich
gemacht haben. Ich habe mir dem Geld meine eigene Firma gegründet.«
»Und in welchem Bereich ist Ihre Firma tätig?«, frage ich, ohne mich wirklich für die Antwort zu interessieren. Kimble schaut sich kurz um und reibt sich mit der
flachen Hand über den Bauch.
»Ich mach dir einen Vorschlag«, sagt er mir erhobener Gabel. »lch kenne eine gute Pommesbude gleich um die Ecke. Wir gehen da jetzt 'ne leckere Bratwurst essen und ich erzähle dir den Rest.« |
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