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Virus

(...)
Nach langem Grübeln kam ich zu dem Ergebnis, dass ich ein paar Fehler gemacht hatte, die es im Grunde genommen jedem möglich machten, den Virus bis auf die Unterhose zu entkleiden. Fehler Nummer eins: Ich hatte den Virus an Freunde und Bekannte geschickt, die selbst erfahrene Programmierer waren. Fehler Nummer zwei: Ein Teil der Empfänger waren Leute, die gerne zur Elite der Hackerszene gehören würden und in dem Irrglauben lebten, diesen Zustand nur mit blanker Zerstörungswut erreichen zu können. Fehler Nummer drei: Ein Virenprogrammierer tarnt sein Programm, um zu verhindern, dass es entdeckt wird. Er verschlüsselt Segmente in seinem Quellcode und arbeitet solange an seiner Datei, bis man sie fast nicht mehr dekompilieren kann. In meiner Unerfahrenheit hatte ich mich nicht sonderlich bemüht, den Code zu schützen. Mit verschiedenen Programmen, die man sich aus dem Internet ziehen kann, wäre es jedem Anfänger möglich gewesen, mein Programm zu dekompilieren.
Mir fiel auf, dass man durchaus Fehler eins und zwei in Kombination mit drei bringen konnte und auf diese Weise einen verheerenden Mix-Fehler Nummer vier erhielt. Diesen konnte man auch als Mix-Lösung Nummer eins bezeichnen. Mix-Lösung Nummer eins: Ich hatte den Virus an einen geschickten und erfahrenen Programmierer geschickt, der von blinder Zerstörungswut getrieben wird. Dieser hatte wohl entdeckt, dass mein Code nicht geschützt war. Kurzerhand hatte er aus meinem harmlosen Husten eine Lungenentzündung gemacht. Daher war der Virus auch um mehr als acht Kilobyte gewachsen.
Das musste die Lösung sein! Ich war sauer, mehr als das, ich war stink-wütend. Warum konnte er nicht seinen eigenen Virus programmieren? Das war mein Bild! Er hatte der Mona Lisa einfach einen Schnurrbart verpasst, und seine Unterschrift darunter gesetzt.
Ein »Moment mal!«, das plötzlich in meine Gedanken platzte, bremste meine Entrüstung. Jemand, der verstand, wie man einen Virus scharf machen konnte, hatte definitiv die Fähigkeiten, einen eigenen Virus zu programmieren. Im Grunde genommen wäre das viel einfacher gewesen. Es dauert eine Weile, bis man den Programmierstil einer anderen Person überblickt, und man muss sich intensiv mit dem Code beschäftigen, um ihn zu verändern. Was, wenn es dem Trittbrettfahrer letztlich gar nicht darum ging, die Lorbeeren für die Erstellung des Virus einzusacken? Was, wenn er nur wollte, dass man die Spur nicht zu ihm zurückverfolgen konnte, und der schwarze Peter absichtlich bei jemand anders, also bei mir, landete? In meiner anfänglichen Begeisterung hatte ich völlig übersehen, dass die Programmierung eines Virus nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch eine gewaltige Ladung Probleme mit sich bringen konnte.
Allmählich machte sich Unruhe in mir breit. Wenn aus irgendeinem Grund mein Name an die Öffentlichkeit gelangte, hätte ich keine Chance, meine Unschuld zu beweisen. Man würde herausfinden, dass der Virus von hier aus losgeschickt worden und ich der Autor dieses Programms war. Als ich einige Minuten fingernagelkauend vor dem Computer auf- und abmarschiert war, kam mir die rettende Idee.

Werner Bürotechnik war durch die Internet-Standleitung so etwas wie sein eigener Server. Ich musste nur die Protokolle aus dem Serverraum sicherstellen, in denen jeder Ein- und Ausgang vermerkt war. Anhand der Protokolle konnte ich beweisen, dass ich nichts weiter als einen ungefährlichen Virus an wenige Adressen verschickt hatte. Damit musste klar sein, dass die aggressive Version des Cool Flash Virus nicht von mir stammen konnte. Da es über die hauseigene Internetleitung nur wenig Verkehr gab, waren die Protokolle recht klein und gammelten noch tagelang auf der Festplatte des Serverrechners herum, bis sie automatisch gelöscht wurden. Es war also sicher, dass ich fündig werden würde. Ich konnte jedoch nicht so einfach in den Serverraum. Es war uns strikt verboten, den Raum zu betreten und den Server zu bedienen, wenn nicht ein triftiger Grund vorlag. Ich hatte zwar einen äußerst triftigen Grund, doch in diesem Fall war es klüger, ihn für mich zu behalten. (...)

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