Teil 2:Tagsüber verlief ich nur selten das Haus, um die vielen CDs
überhaupt verpackt zu bekommen. Am frühen Abend ging ich dann zur Post und verschickte die Pakete an meine Kunden. Marie konzentrierte sich derweil auf ihr Studium. Sie war immer fleißig und arbeitete still an ihrem Schreibtisch, wenn
ich wieder spät nach Hause kam. Sie traf sich oft mit einem Typen, mit dem sie zusammen studierte. Einmal wühlte ich in Maries Handtasche herum und fand einen Zettel mit seiner Adresse. Gleich nachdem ich meine letzten CDs verpackt
hatte, führen Reno und ich los, um den Penner zu suchen. Reno schlug dem Scheßkerl mehrmals mit der Faust ins Gesicht. Ich wollte ihm einen wuchtigen Tritt in den Unterleib geben, traf aber nur seinen Oberschenkel. Reno saß einige Monate
in Haft. Ich wartete draußen, als er aus dem Knast kam.
Mick kommt verschlafen aus dem Badezimmer. Ich gebe ihm die Kiste mit den Mobiltelefonen. Er öffnet sie und nimmt sich ein Gerät heraus.
»Ja nu ...«, sagt er dann mit einem prüfenden Blick. »Sind okay«, sage ich, obwohl ich mir die Dinger noch nicht einmal angeschaut habe. »Ich will auch eins«, sagt die Dauerwelle und schiebt ihre gelb leuchtenden Füße unter ihren
Hintern. Mick und ich ignorieren sie. »Heute Abend gebe ich dir die Kohle«, gähnt Mick und stellt den Karton an die Tür. »Kannst es mir auch übermorgen geben.«
Mick zuckt mit den Schultern. »Was'n los? Bist doch sonst immer so scharf auf Kohle.« »Die Fuhre kommt am Mittwoch morgen. Wir treffen uns um sieben bei Holger im Laden und teilen die CDs auf. Es reicht, wenn du mir das Geld für
die Handys am Mittwoch gibst.« »Ich lasse meinen Teil bei Holger und hol ihn später ab.« »Das geht nicht, Holger will die CDs nicht bei sich herumstehen haben«, fahre ich ihm ins Wort und habe damit nicht einmal die Unwahrheit
gesagt. Mein Herz fängt an zu klopfen, ich werde die Sache abblasen müssen, wenn er nicht kommt. Mick muss am Mittwoch da sein, er muss einfach. »Kannst du die CDs nicht für mich mit einpacken?«
»Na komm schon«, sage ich abfällig. »Wie soll ich das alles in meinen Wagen kriegen?« Mick zögert noch einen Moment. »Ja nu«, gibt er dann murrend von sich. »Wenn es nicht anders geht. Wollte übermorgen nur mal ausschlafen.«
»Geht halt nicht«, betone ich und lächle in mich hinein. Jetzt habe ich ihn im Sack. »Also, dann bis übermorgen.« In meiner Stimme schwingt ein befehlender Unterton mit. Prustend versucht Mick seine mangelnde Begeisterung zur Schau zu
stellen. »Ja nu«, sagt er. »Dann halt bis übermorgen.« Als ich nach Hause komme, ist es kurz nach sechs. Ich ziehe mir meine vollgeschwitzten Socken aus und lege sie auf den Wohnzimmertisch. Dann gehe ich zu meinem Rechner und stupse
kurz die Maus an. Mit einem Klicken schaltet sich der Bildschirmschoner aus. Der Monitor ist an, der Kühler läuft. Ich rufe einige MP3s auf, und kurze Zeit später säuselt auch schon Donna Summers Stimme durch meine Wohnung. Es ist hell
geworden. Draußen vor meinem Fenster sitzen zwei kleine Vögel auf einem Baum und zwitschern um die Wette. Ich haue mir einen Joint und genieße eine Weile meine Erschöpfung. Die Müdigkeit, die mir in allen Gliedern steckt, fühlt sich
nicht mehr unangenehm an. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfinde ich alles um mich herum als friedlich und ruhig. Vielleicht war es immer so, und ich habe es nur nie bemerkt. Der Wind, der vorsichtig durch die Blätter streift, mein
durch den Qualm vernebeltes Wohnzimmer, das in ein sanftes Licht getaucht ist, und die feinen Gräser, die ich tief in meine Lunge ziehe. »Was so ein bisschen Natur ausmacht«, murmle ich leise und lächle. Es wäre schön, wenn Marie
jetzt bei mir wäre. Doch wahrscheinlich hätte ich mich nach fünf Minuten gleich wieder an meinen Rechner gesetzt. Irgendwie merkwürdig. Meine Zunge fühlt sich sandig an. In einer Ecke meines Kühlschranks finde ich noch eine Dose
Chocomel, die ich aus Holland mitgebracht habe.
Marie und ich wollten zusammen in den Urlaub fahren, um unsere Beziehung zu retten, wie sie sagte. Weiter als nach Maastricht kamen wir nicht. Wir landeten nachts um eins im
Mississippi, einem recht ungemütlichen Coffeeshop auf einem Hausboot. Wir rauchten eine Bong nach der anderen. Auf dem Weg zum Hotel entdeckte ich eine Spielhalle. Ich versprach ihr, in einer Viertelstunde im Hotel zu sein. Um fünf Uhr
morgens, als sie schon schlief kam ich in unser Zimmer. Als wir am nächsten Tag wieder zu Hause ankamen, schaltete ich gleich den Computer an.
Ich habe nur wenige Stunden geschlafen. Die Musik läuft noch. Mittlerweile sind wir bei
Diana Ross angekommen. Es geht mir deutlich schlechter als zuvor. Ich hätte wach bleiben sollen. Es scheint, als hätte mir der Schlaf die letzten Energiereserven geraubt. Vielleicht bin ich auch einer von den Leuten, die im Schlaf den
Atem anhalten und sich dadurch fühlen, als hätte man sie gerädert. Ich nehme noch drei Kopfschmerztabletten und lege mich wieder aufs Sofa. Obwohl ich genug am Computer zu tun hätte und mich das sonst immer ablenkt, ist mir im Moment
überhaupt nicht danach. Das ändert sich zwangsläufig, als Reno vorbeikommt, der erst seit drei Monaten wieder auf freiem Fuß ist. Er fragt mich, ob ich unter einen Laster gekommen sei. Ich sage, dass alles in Ordnung ist. Die Antwort
reicht ihm. Reno ist Möbelpacker und hat Arme wie ein Ochse. Wann immer ich in der Vergangenheit mit jemandem ein Problem hatte, war er meine erste Anlaufstelle. Weil ich verantwortlich dafür war, dass er in den Bau musste, war ich ihm
eindeutig etwas schuldig. Ich habe ihn mit in das CD-Geschäft einsteigen lassen, obwohl er bis heute nicht die leiseste Ahnung hat, worin er sein Geld eigentlich investiert hat. Hauptsache wir sind quitt. Reno setzt sich auf den Sessel
vor mir und zündet sich eine Zigarette an. Er wirkt angespannt. »Ich habe mit Holger telefoniert.« Ich zucke mit den Schultern, gehe kurz zu meinem Rechner, um Dianas seichtes Gedudel in etwas Schwungvolleres zu verwandeln, und
setze mich dann wieder. »Denkst du nicht, dass das alles langsam zu gefährlich wird?« Ja, das denke ich. Es wird sehr gefährlich. Die Bullen werden uns wahrscheinlich schnappen. Trotzdem wird mich nichts in der Welt davon abhalten,
das Ding durchzuziehen. Reno weiß, dass er keine Ahnung hat. Meine Meinung war ihm aus diesem Grund immer wichtig. Es ist ein Leichtes, ihm die Angst zu nehmen. »Wir müssen eben etwas vorsichtiger sein als sonst, mehr nicht«, antworte
ich und nehme mir eine filterlose Zigarette aus seiner Schachtel. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust zu rauchen, doch damit werde ich meine gespielte Gelassenheit unterstreichen. Reno beobachtet mich. Er hat schon länger nicht an
seiner Zigarette gezogen. Die Asche kann sich der Schwerkraft nicht entziehen und segelt in Zeitlupe auf seine Hose hinab. Das Feuerzeug in meiner Hand zittert. Ich weiß nicht, ob es meine Hände oder Augen sind, die gerade schlapp
machen. Ich kann die Entfernung zwischen Flamme und Zigarette nur schwer abschätzen. Das leise Knistern des Tabaks verrät mir, dass die Zigarette brennt. Ich inhaliere den Rauch und spüre davon rein gar nichts in meiner Lunge. »Glaub
mir, Reno, es wird nichts passieren«, lüge ich und puste dabei eine große Qualmwolke aus mir heraus. Reno schaut mich regungslos an. Er wartet auf einen Blick von mir, der meinen Satz noch bekräftigt. Ich gebe ihm, was er will. Ein
selbstsicheres Augenzwinkern wird ihm sicherlich reichen. »Dann ist ja alles klar.« Reno nickt, steht auf und klopft sich die Asche von seiner Hose. »Ja«, sage ich leise. »Alles ist klar.«
Ich weiß, dass ich ihm damit unrecht tue. Er hat es am wenigsten verdient.
Marie und ich redeten über Probleme, wie andere Pärchen es auch tun. Ich sagte ihr, dass die Fuhre am Mittwoch bei Holger im Laden ankommen würde und ich
danach mehr Zeit für sie hätte. Ich war kurz nach vier aus der Wohnung gegangen, um mit Holger und Forti noch einige Dinge zu klären. Ich versprach Marie, am frühen Abend wieder bei ihr zu sein. Sie wollte für mich kochen. Forti, seine
Schwester Ella und ich gingen zusammen ins Pit Stop. Wir betranken uns hemmungslos. Ella versuchte ständig ihren Körper an meinen zu schmiegen. Forti tat so, als fände er das witzig. In Wirklichkeit machte es ihn rasend, was mich
wiederum dazu animierte, Ellas Attacken zu erwidern. Ich kam erst um vier Uhr nachts nach Hause und setzte mich direkt wieder an meinen Rechner. Marie war wütend. Sie riss den Monitor vom Tisch.
Zwischen den Sofakissen finde ich
meinen MP3-Schlüsselanhänger, den ich irgendwann achtlos auf das Sofa geschmissen habe. Ich knipse ihn an meine Gürtelschnalle, packe den Kopfhörer in meinen Rucksack und stelle ihn neben das Sofa. Dann greife ich zum Telefon und rufe
Fortmeier an. Ella geht an den Apparat, auch gut. Ich sage ihr, dass sie Forti ausrichten soll, er habe morgen um sieben bei Holger im Laden zu erscheinen. Ich kenne Forti. Wenn man ihm keine Chance lässt sich zu beschweren, willigt er
immer ein. »Was vor heute Abend, Ella?«, frage ich plötzlich keck. Nach einigen kurzen Atemlauten kommt ein vorsichtiges und fragendes »Nein« durch den Hörer. Ella ist über meine Offensive erstaunt. Um noch einmal zu
unterstreichen, worauf ich hinaus will, frage ich, ob sie nicht Lust hätte, heute Nacht bei mir vorbeizukommen. Ich setze mich an den Rechner, schiebe den Monitor nach hinten, so dass das Kabel in der halb herausgebrochenen Buchse
durch die Wand arretiert wird. Ein Doppelklick auf das Spiele-Verzeichnis bringt das Tetris-Symbol zum Vorschein. Ich starte das Spiel. Nach dem Titelbild erscheint die Highscore-Liste. An erster Stelle blinken die drei Buchstaben »MAR«.
Ich klicke auf den viereckigen Kasten mit der »Start Game«-Aufschrift und versuche mich auf das Spiel zu konzentrieren. Anfangs ist es noch leicht, und ich kämpfe mich Level um Level höher. Die Balken und Blöcke zischen immer schneller
hinab und bilden immer schwierigere Barrieren und Probleme, die nicht mehr durch pure Logik zu lösen sind. Links oder rechts? Die Welt um mich herum verschwimmt, bis sie nicht mehr vorhanden ist. Meine ganze Konzentration ist auf die T-
und L-förmigen Klötze gerichtet. In meinem Zustand kann ich keine sinnvollen Entscheidungen mehr treffen. Mein Herz rast. Es liegt schon Jahre zurück, dass mich ein Computerspiel derart ins Schwitzen gebracht hat. Jede falsche Anordnung
der farbigen Klötze wird auf der Stelle bestraft. Die Gelenke in meinen Fingern beginnen allmählich zu schmerzen, und meine Bewegungen werden hölzern. Dann löst sich meine Hand vorsichtig von der Tastatur. Ich erlaube, was früher oder
später auch gegen meinen Willen passiert wäre. Die Bausteine stapeln sich Linie für Linie übereinander, bis sie den Bildschirm völlig verbaut haben und die Worte »Game Over« erscheinen. Es gibt keinen anderen Ausweg, und doch bleibt es
meine Entscheidung, dieses Spiel zu verlieren. |
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