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Teil 3:

Ich sah dabei zu, wie der Monitor zu Boden krachte. Ein Ruck durchfuhr meinen Körper, als ein Stück aus dem Gehäuse unter lautem Ächzen zerssplitterte. Der offene Computertower, der mit dem Monitor verkabelt war, folgte dem Bildschirm, kippte langsam zur Seite und knallte dann auf den Tisch. In ihm war die Seele des Computers und mein Herzstück zugleich: die Festplatte. Ich nahm nicht wahr, auf was meine geballten Fäuste niederschlugen. Ihre zierlichen Arme, die sie schützend vor mir hob, schmetterten immer wieder zurück, bis sie schließlich zusammengekauert vor meinen Füssen lag. Ich hatte sie nur selten weinen sehen, doch jetzt fiel es ihr schwer die Tränen zurückzuhalten. Ich nahm die Festplatte und ging wortlos davon, ohne sie ein letztes Mal anzuschauen. Erst am späten Nachmittag kam ich wieder nach Hause. Der Anrufbeantworter wartete mit einer Nachricht von Maries Mutter auf. Marie würde nicht mehr wiederkommen. Ihr Vater hatte einen Zettel hinterlassen. Er drohte damit, meinem Tun ein Ende zu setzen.

Neben mir liegt Ellas warmer Körper. Sie schläft mit dem Rücken zu mir. Ich habe wieder einmal kaum ein Auge zugetan. Ich lege vorsichtig meine Hand unter ein Büschel ihrer schwarzen Locken, führe es zu meinem Gesicht und rieche daran. Obwohl ich gehofft hatte, es wäre anders, riechen sie gut. Glücklicherweise hat Ella nicht sehr viel Ähnlichkeit mit ihrem Bruder. Der Gedanke, mit der weiblichen Version von Forti ins Bett zu gehen, hätte mich gestört.
Draußen wird es allmählich wieder hell. Die Vögel auf dem Baum vor meinem Fenster bereiten sich auf ihr übliches Pfeifkonzert vor. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Auf einem Holzbrett liegen zwei vertrocknete Scheiben Toastbrot. Aus dem Kühlschrank nehme ich eine Packung Butter, die längst abgelaufen ist, und schmiere etwas davon aufs Brot. Meine Zunge ist derart gelähmt, dass ich den ranzigen Geschmack kaum bemerke. Ich schlucke die letzten Bissen hinunter. Mein Magen schläft noch, ich spüre, wie sehr er sich dagegen wehrt, mit der Verdauung zu beginnen. Dann ziehe ich mich an, nehme mir noch den Rucksack und verlasse meine Wohnung.
Auf der Straße ist kein Mensch. Die Temperatur und das spärliche Sonnenlicht lassen jetzt schon vermuten, dass auch dieser Tag wieder ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit werden wird. Ich schlendere über die Straße zu meinem Auto, das gleich um die Ecke steht. Auf der Windschutzscheibe hat sich Tau gebildet. Mit dem Ärmel meines Pullovers wische ich eine kleine Stelle frei, gerade groß genug, um eine ausreichende Sicht auf die Straße zu haben.
Ich parke den Kombi schräg auf dem Gehweg vor dem Schaufenster. Auf zwei Monitoren flimmern unscharf Werbeslogans in einer Endlosschleife. Die Tür ist offen. Holger, Forti, Mick und Reno erwarten mich bereits. Obwohl ich mir sicher bin, am wenigsten von uns vieren geschlafen zu haben, sieht jeder von ihnen um einiges fertiger aus als ich.
»Hey, endlich!« Forti versucht zu lächeln. »Die Ladung kommt jede Minute!«
Ich lächle zurück. Keiner der Idioten findet es seltsam, dass wir alle um sieben Uhr morgens in Holgers Laden stehen, um auf eine CD-Lieferung zu warten, die doch durchaus noch einige Zeit hier bei Holger hätte auf uns warten können.
Natürlich kann sich Forti die Frage, wie mein Abend mit Ella verlaufen ist, nicht verkneifen.
»War ganz nett«, sage ich beiläufig. »Wir haben nur etwas gequatscht. «
Obwohl er genau weiß, was passiert ist, zeigt er sich zufrieden mit meiner Antwort. Reno zündet sich unruhig eine Zigarette an und lehnt sich an die Theke. Er ist zwar nicht unbedingt ein Freund vieler Worte, trotzdem wundert es mich, dass er, seitdem ich hier bin, völlig stumm geblieben ist. Ich versuche seinem Blick auszuweichen. Ein Lastwagen, der vor die Tür des Lieferanteneingangs rollt, hält Holger davon ab, Reno auf das Rauchverbot im Laden aufmerksam zu machen.
»Na also!« Holger stapft als erster nach draußen, gefolgt von Mick und Forti. Während sich die drei Lemminge um den Lieferwagen positionieren, schaut mich Reno immer noch an. Ich zögere kurz, dann nicke ich. Ein Arbeitskollege von Mick klettert aus der Fahrerkabine und begrüßt ihn freundlich. Dann geht er zur Rückseite des Lastwagens, öffnet den Laderaum und hievt einen Karton nach dem anderen von der Ladefläche. Ebene für Ebene stapelt er die Kästen vor unseren Füßen übereinander. Links, rechts, ich weiß nicht, wohin ich gucken soll, ohne nervös zu erscheinen.
Nach einer halben Stunde liegt etwa die Hälfte der insgesamt vierzigtausend illegal gepressten CDs vor uns. Alle auf einem Haufen und in unscheinbaren braunen Kartons verpackt. Holger unterschreibt krakelig einen Wisch für acht Monitore, die er laut Lieferschein erhalten haben soll und lächelt dabei dem Fahrer zu. Mick greift in seine Tasche und holt ein kleines Bündel Hunderter heraus, das er in einen Händedruck verpackt an seinen Arbeitskollegen weitergibt. Reno steht vor mir. Er ist nervös. Das Gefühl, diese ganze Situation schon einmal erlebt zu haben, überkommt mich für einen kurzen Moment. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Pharaohs ebenfalls beim Umladen vor seiner Garage von der Polizei verhaftet worden ist.
»Alles klar, Reno?«, frage ich leise. Reno regt sich kaum. Ich schaue mich noch einmal um. Niemand zu sehen.
»Wir sind quitt«, schießt es mir immer wieder durch den Kopf. Doch das Gefühl, Reno Unrecht zu tun, drängt sich in den Vordergrund. Was hätte Reno eigentlich mit der Sache zu tun, wenn ich ihn nicht zu unserer Group geholt hätte? Er würde weiter irgendwelche Möbel schleppen und, obwohl er schon einmal im Knast gesessen hat, auch jetzt noch jedem die Nase brechen, der mir zu nahe käme. Ich greife in meine Jackentasche, hole meine Autoschlüssel heraus und reiche sie ihm.
»Stell mal meinen Wagen um«, sage ich in ungekonnt beiläufigem Ton.
Mick, der gerade mit einem Karton in den laden marschiert kommt, dreht mir den Kopf zu. Reno guckt mich misstrauisch an.
»Den Kombi«, sage ich etwas lauter. »Ich bekomm da vorne 'ne Knolle.«
»Ja nu, jetzt doch nicht«, meckert Mick. »Es ist gerade mal kurz nach halb acht, und wenn da jemand kommt, sehen wir das doch.«
Ich ignoriere Mick und schaue Reno in die Augen. »Stell schon den Wagen um«, presse ich fast lautlos über meine Lippen. Reno bewegt sich nicht. In seinem Gesicht zeigt sich ein Anflug von Panik. Was ist los mit ihm? Will der Trottel ausgerechnet jetzt damit anfangen mir zu misstrauen? Ich schaue noch einmal über meine Schulter. Noch sieht alles ruhig aus.
»Was soll der Scheiß!«, ruft Forti, der schon seinen dritten Karton in den Laden getragen hat. »Fahr ihn doch selber weg!«
»Komm, ich mach das.« Mick versucht mir den Schlüssel aus der Hand zu nehmen.
»Nein, warte«, unterbricht ihn Reno. »Ich geh schon!«
Na also. Ich nicke Reno zu. Dann gehe ich mit Holger hinaus. Ich nehme mir auch eine Kiste und trage sie in den Laden.
Reno geht zum Auto.
Vom Laden aus habe ich alles im Blick. Rechts der Lieferanteneingang, vor mir das Schaufenster, vor dem mein Kombi steht. Reno versucht den verbogenen Schlüssel ins Schloss zu bekommen. Die meisten Kisten sind bereits im Laden.
Reno fummelt an dem Zündschloss herum. »Bieg das Ding gerade«, flüstere ich leise vor mich hin.
»Was ist, hilfst du jetzt, oder was?«, ruft mir Mick wild gestikulierend zu.
»Ja, ja! Ich komm ja schon!«, brülle ich zurück.
Reifenquietschen, zwei, nein, drei dunkle BMWs kommen hinter dem Lastwagen zum Stehen.
Reno bekommt den Schlüssel ins Schloss.
»Fahr du Depp ... fahr!«
Vier Leute stürmen aus dem einen, drei weitere aus den anderen Autos. Sie haben uns umzingelt und kommen auf uns zu. Einer von ihnen schnappt sich Forti, der sich wie gelähmt einkassieren lässt.
Reno sitzt im Auto, der Motor springt an.
Holger rennt aus dem Lager und läuft einem Polizisten direkt in die Arme.
Reno merkt, dass etwas nicht stimmt. Er reckt seinen Hals, sieht aber nicht, was um die Ecke geschieht.
Wir haben keine Chance zu entkommen. Überall um uns herum stehen Polizisten und Ermittler.
»Fahr, du Dorftrottel!«, brülle ich so laut ich nur kann.
Anscheinend will niemand den Fahrer des Lasters festnehmen, der mit aufgerissenen Augen und erhobenen Händen dabei zusieht, wie alle anderen in Gewahrsam genommen werden. Ich spüre, wie ein Beamter von hinten meine Handgelenke zu fassen bekommt.
Reno bleibt unbeweglich im Auto sitzen und beobachtet mich. Ich fühle, wie das kalte Eisen der Handschellen um meine Gelenke einrastet. Reno schaut mich noch immer an. Die dummen Gesichter von Mick, Holger und Forti, die in Handschellen in den BMW verfrachtet werden, kann ich von hier aus schon nicht mehr sehen. Reno steigt ruhig aus dem Kombi, den Blick noch immer auf mich gerichtet. Der LKW-Fahrer sitzt bereits in einem anderen Wagen, der erst vor wenigen Augenblicken dazugestoßen ist. Einer der Beamten geht langsam auf Reno zu, der seine Hände hebt, um zu demonstrieren, dass von ihm kein Widerstand zu erwarten ist. Erst als man ihn abführt, lässt sein Blick von mir ab.
Ich hoffe, jetzt nicht im selben Wagen mit ihm sitzen zu müssen. »Kommen Sie«, höre ich die tiefe und strenge Stimme des Beamten hinter mir sagen, der meine Hände noch immer fest im Griff hält. Ich versuche mich herumzudrehen, so dass ich ihm ins Gesicht sehen kann. Mit einem kräftigen Ruck an meinen Handschellen weist er mir die Richtung.

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