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Teil 3:

Es war um drei Uhr mittags, als Fabian von Bitsocom zurück kam und seinen CD-Brenner in der Hand hielt, den er nun zum vierten Mal wegen eines Defekts umtauschen wollte. »Das Ding wird auch zum fünften und sechsten Mal kaputtgehen« hatte Fabian dem Verkäufer gesagt. »Das ist Müllware«, »Vielleicht liegt es daran, dass Sie ihre Software nicht richtig benutzen«, bemerkte der Filialleiter und guckte ihn fragend an. Fabian ärgerte sich. Für ihn war klar, dass dort keiner die leiseste Ahnung von Hardware hatte. Jeder hielt sich für ein Computergenie, und doch konnten sie wahrscheinlich nicht mal ihren Videorecorder richtig bedienen. Die Website von Bitsocom war somit das optimale Ziel für seine erste Attacke. Gestern noch vollig übermüdet vom Studium der TFA-Anleitung, gab diese Bitsocom-Geschichte Fabian neue Kraft, um nun die praktische Wirkung des Scripts zu erproben.
TFA war ein Server-Script und arbeitete nach einfachen Kriterien. Einmal auf Drittserver installiert, war es aktiviert und wartete auf Befehle des Masters. Der Master war jeweils derjenige, der das Script installiert hatte und sich TFA mit einem Passwort zu erkennen gab. TFA konnte mittels einer Fernabfrage aus einem anderen Ort im Internet gesteuert werden. So war es beispielsweise möglich, dem in den USA installierten TFA-Script aus Deutschland den Befehl zu geben, in Australien einen bestimmten Provider zu attackieren. Stunden verflogen für Fabian wie Minuten. Es kam ihm vor, als habe er nicht länger als eine Viertelstunde gebraucht, um mit Hilfe der Anleitung in allen ihm zur Verfügung stehenden dreißig Universitäten TFA zu installieren. Dreißig Server und dreißig mal TFA. Alles, was er jetzt noch zu tun brauchte, war innerhalb kurzer Zeit allen dreißig TFAs den Befehl zu schicken, die Attacke auf die Bitsocom-Website zu starten. Während er den Abschussbefehl zusammenbastelte, merkte er, wie sein Herz zu pochen begann. Angespannt wartete er auf den Moment, in dem er den Befehl versenden würde.
Er hatte sich überlegt, dass zwei Uhr morgens günstig wäre, da zu dieser Zeit niemand eine Attacke erwarten würde. Im Grunde wagte er nicht zu hoffen, dass er Erfolg haben könnte. »Die Provider werden den Datenmüll einfach schlucken«, hatte Tobi prophezeit. So, als ob eine Ameise einem Löwen ans Bein pinkelt. »Das funktioniert bestimmt nicht«, hörte er Tinman in Gedanken zu ihm sagen. »Lass uns ein eigenes Script programmieren, irgendwann, irgendwo, irgendwie.« Idioten, dachte Fabian, alles nutzloses Gerede.
Zwei Uhr und keine Minute später. Alles war vorbereitet. Es wird bestimmt nicht funktionieren, sagte sich Fabian in der Hoffnung, es funktioniere doch. Er gab den Befehl ein, zum Versenden des Befehls. Nur wenige Minuten später war die Website von Bitsocom nicht mehr aufrufbar. Große innere Zufriedenheit wich schnell der totalen Euphorie. »Ja, ja, ja!«, schrie er in die Nacht. »Es hat funktioniert, ich habe es geschafft!«

Der Staatsanwalt hört aufmerksam zu. »Das müssen ungeheure Datenmengen gewesen sein«, sagt er schließlich. »Mehr als ein Gigabyte pro Sekunde. Ich wusste nicht, dass das geht«, erwidere ich.
»Das war nicht sehr konstruktiv, aber schon irgendwie respektabel«, sagt der Staatsanwalt und nickt mit zusammengepressten Lippen. Dann reibt er sich mit dem Finger über die Nase. Er lächelt, so als würde er sich gerade das Gesicht der millionenschweren Firmenbosse vorstellen, die von einem einzigen Hacker bloßgestellt wurden. Ich lächle ebenfalls, vielleicht ein wenig zu deutlich. »Nun, lustig finde ich das nicht«, sagt der Staatsanwalt, und über sein Gesicht ziehen sich gleich wieder Sorgenfalten. »Der Spaßeffekt ist die eine Sache. Sie aber haben Millionenschaden angerichtet. Diese Internetunternehmen garantieren Arbeitsplätze, die Sie gefährden. Ihren Spaß müssen andere bitter ausbaden.«
Ich schaue ihn bedrückt an. Den Ersatz von Millionenschaden kann ich nicht bezahlen. Auch die Arbeitsplätze kann ich nicht garantieren. »Wie naiv ich gewesen sein muss, mich darauf einzulassen. Heute ist Rollenspielabend bei Tobi, zu dem ich auch eingeladen bin. Tinman programmiert womöglich vergnügt an seinem Script, das nie fertig wird. Und ich sitze hier bei der Staatsanwaltschaft und muss mich wegen ziemlich viel Geld und Arbeitsplätzen verantworten. Ich habe noch nie eine Tat derart bereut wie diese. Dumme Gedanken hat jeder, nur ich Trottel musste sie umsetzen. Ich bin der Verlierer, der Versager, der Idiot, denke ich.


Zwei Uhr und fünfzehn Minuten. Fabian wurde plötzlich etwas klar. Am nächsten Morgen würden sämtliche Administratoren die Ursache bei Bitsocom diagnostizieren und die Zugänge, die er sich bei den dreißig Universitäten mühevoll angeeignet hatte, durch Beschwerden sperren lassen. Kleine Aufregung bei Bitsocom, und die TFA-Quellen würden gelöscht werden. Nach einigen Wochen hätten es alle dann auch schon wieder vergessen. Fabian musste sofort eine zweite Attacke starten, denn am nächsten Tag konnte schon alles vorbei sein. Während er den TFAs weitere Befehle zusandte, spürte er, wie eine Adrenalinfontäne durch seinen Körper schoss. Seine Aufregung stieg, bis es kaum noch auszuhalten war. Yahoo, Amazon, CNN, eBay, er tippte eine renommierte Adresse nach der anderen ein. Sein Herz pochte. Die TFAs verrichteten unermüdlich ihre Arbeit. Sie sendeten jeden Datenmüll, den sie auftreiben konnten, an diese Anbieter weiter.
Doch es geschah nichts. Selbst um vier Uhr morgens konnte Fabian bei keinem anderen Provider außer Bitsocom irgendeine Veränderung feststellen. Wahrscheinlich war Bitsocoms Website durch einen dummen Zufall zusammengebrochen. Womöglich war nicht einmal Fabian der Grund dafür. Er fühlte, wie sein Magen knurrte und die Müdigkeit Oberhand gewann. Er machte seinen Rechner aus und genoss die nächtliche Ruhe, die nun seinen Raum beherrschte. Was auch immer er getan hatte, nun war er offline, der Computer war ausgeschaltet. Da stand sein Bett, und es war genauso real wie seine Müdigkeit. Er schmiss seine Klamotten auf die Tastatur und legte sich schlafen.
In seinem Traum fand sich Fabian auf der Toilette des Usertreffens wieder. Er versuchte verzweifelt sein Geschäft zu verrichten. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, dachte er über Baxters Verschwörungstheorien nach. Entlastet, erleichtert und voller neuer Ideen setzte er sich dann wieder zu Baxter. »Ich werde von Geheimdiensten verfolgte, sagte Fabian. »Tobi hat mich dazu angestiftet TFA zu benutzen, um damit eine Hackerattacke zu starten. Und jetzt bin ich der Sündenbock. So wie damals der Mörder von Kennedy, wie hieß der doch gleich?«
»Marcel Marceau«, sagte Tobi, der plötzlich neben ihm stand und dann zur Toilette ging.
»Jetzt haben sie auch noch eine Stuhlprobe von mir«, entfuhr es Fabian panisch.
Baxter schüttelte den Kopf. »Fabian ...«, sagte er, »... hast du etwa deinen ganzen Verstand in dieser Stuhlprobe gelassen? Bleib auf dem Boden der Realität.«
»Auf dein Boden der Realität bleiben«, wiederholte Fabian. Alle User im Café lachten.
Schweißgebadet wachte er auf. Draußen vor der Haustür hatte irgendjemand unmittelbar neben seinem Auto geparkt und erschwerte ihm den Einstieg. Er fuhr stadteinwärts, als er das Radio einschaltete: »Die Internetfirmen Yahoo, Amazon und eBay haben gestern Nacht den größten Anschlag der Computergeschichte erlebt«, sagte der Radiosprecher mit ruhiger Stimme. Es war das Thema des Tages. Schockiert, mit weit geöffnetem Mund, hielt Fabian am Straßenrand an.

»Wir treffen uns in zwei Wochen wieder. Bis dahin werde ich sehen, wie wir uns am besten einigen«, sagt der Staatsanwalt und reicht mir die Hand.
Ich entschließe mich zu Fuß nach Hause zu gehen, um meine Gedanken zu sortieren. Als ich an einem Zeitschriftenladen vorbeikomme, muss ich an die Schlagzeilen der vergangenen Wochen denken. Laut Expertenanalysen waren die Email-Attacken von über vierhundert Servern gestartet worden. Die Experten täuschen sich, denke ich, und versuche diese Analysen zu ignorieren. Dass hinter meiner Serverattacke in Wirklichkeit noch jemand anderes stecken soll, ist genauso absurd wie der Traum vom Usertreffen. Dass Tobi etwas mit der Sache zu tun haben könnte, erscheint mir völlig unsinnig. Ich schaue mich um. Hinter mir liegt das Justizzentrum, vor mir die Bahnhaltestelle. Weit und breit ist niemand zu sehen. Niemand beobachtet mich. »Sollte ich wirklich an so etwas glauben, wäre das wieder nichts anderes als verdrehtes Schuldbewusstsein«, denke ich kopfschüttelnd und gehe nach Hause.

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