VIRuS
»HaLt! steHeN BLeIBeN!«, HaLLte es MIR NaCH. DOCH ICH RaNNte wie WAHNSINNIG Die eNDLos SCHeINeNDe StRaße HeRUNteR. Die poLizei waR
HINteR MIR HeR UND Das aLLes NUR WeGeN eINeS LaCHeRLICHeN VIRUS.
Es musste irgendein Talent geben, das ich besaß. Manche Leute sind künstlerisch begabt und können ohne viel Mühe ein schönes Bild oder eine Skulptur erstellen. Andere haben
ihre Fähigkeiten in den Bereichen Musik, Sprache oder Mathematik. Jeder schien etwas mit sich anzufragen zu wissen. Nur ich konnte auf die Frage, was ich nach der Schule anfangen würde, bloß mit »lange ausschlafen« antworten. Der Spruch
war immer für ein Lächeln gut, für mehr aber auch nicht. Was für Fähigkeiten hatte ich eigentlich? Was interessierte mich? Da saß ich nun und überlegte. Ich hatte mich zu spät zur Berufsschule angemeldet, so blieb mir für die Suche
nach einem Ausbildungsplatz gerade mal eine Woche. Ich schnappte mir die erstbeste freie Stelle bei einer kleinen Firma namens Werner Bürotechnik. Ich entdeckte den Laden an der Ecke einer kleinen Seitenstraße. Über dem Schaufenster
strahlte die Neonleuchtschrift in einem undefinierbaren Farbton. Zudem funktionierte sie auch nicht mehr richtig, denn hin und wieder erlosch der untere Bogen des Bs, so dass der Laden auch Werner Pürorechnik hätte heißen können. Herr
Werner, ein alter Meister-Elektroniker um die siebzig, entschloss sich nach kurzer Unterhaltung, mich als seinen neuen Auszubildenden einzustellen. Er zeigte mir bei einem Rundgang die Räumlichkeiten des Betriebs. Mir wurde schnell klar,
dass der Laden nicht viel hergab. Ein kleines Büro, in dem drei Computer aufgestellt waren, eine Reparaturwerkstatt, ein noch kleineres Büro, in dem sich Frau Werner um die Finanzen kümmerte, und ein Ladenlokal mit einer kleinen
Verkaufstheke. In einer Art Abstellkammer befand sich noch ein Serverraum, in dem der Linux-Rechner und die Standleitung zum Internet untergebracht waren. Herr Werner wies ausdrücklich darauf hin, dass sich niemand ohne seine Erlaubnis
in diesem Raum aufhalten durfte. »Da drinnen hat niemand etwas zu suchen«, schimpfte er, als hätte ich mich bereits über diese Anweisung hinweggesetzt. Die Stammkunden, die hier täglich einmarschierten, kauften allen möglichen Kram,
den man in einem Büro braucht. Meistens Druckerzubehör wie zum Beispiel Farbbänder oder Druckerpatronen. Davon hatten wir eine ganze Menge. In meiner überstürzten Suche nach einem Ausbildungsplatz war ich bei einem furchtbar langweiligen
Familienbetrieb gelandet.
In der Reparaturwerkstatt hatte ich mich schon nach kurzer Zeit mit meinem Leidensgenossen Marcel angefreundet. Er war groß und kräftig gebaut, und für seine fünfundzwanzig Jahre sah sein Gesicht schon
recht verlebt aus. Auf den ersten Blick hätte man sich vor seiner kolossalen Gestalt fürchten können, doch Marcel war ruhig und zurückhaltend, fast schüchtern. Von ihm lernte ich eine Menge über die Reparatur von Schreibmaschinen. Er
zeigte mir die Unterschiede zwischen einer Olympia SM Carrera de Luxe und einer Brother SM LW 8oo ic, einem sogenannten Inkjet-Schreibcomputer. Marcel reparierte einfach jede Maschine, die ihm unter die Finger kam und erklärte mir alle
Details. Nach kurzer Zeit wusste ich sogar über Oldtimermodelle Bescheid, etwa über die Ideal A-Schreibmaschine, die schon im Jahr 1900 ein schräges Segment besaß. Marcels absoluter Favorit jedoch war die Albus Perkeo. Eine portable
Schreibmaschine mit zwei Schwinghebeln und Vorderaufschlag. Die Albus, übrigens hauptsächlich aus Aluminium gefertigt, erschien 1912, wurde dann aber traurigerweise nach dem zweiten Weltkrieg durch die Urania Piccola ersetzt. Auch
wenn mich die Materie sonst nur mäßig interessierte, lauschte ich Marcels Exkursen gerne. Ihm fiel zu der langweiligsten Schreibmaschine noch immer eine kleine und spannende Anekdote ein. Im Gegenzug erklärte ich ihm, wie das Internet
funktioniert. Marcel hatte wirklich keine Ahnung davon, da er sich bisher immer dagegen gesträubt hatte. Schon nach wenigen Wochen gemeinsamer Arbeit richtete er sich jedoch eine eigene Email-Adresse ein und hatte einen Heidenspaß am
Surfen. Es dauerte nicht lange, bis Herr Werner sich meiner annahm und mich vor einen der Computer setzte, die sonst nur als Ausstellungsstücke herumstanden. Er erklärte mir kurz, was zu tun sei, und ich legte los, was das Zeug
hielt. Kundenspezifische Hilfsprogramnme und kleine Applikationen. Nebenbei stellte ich den Großkunden Software vor, zeigte und erklärte ihnen Vorteile von Fakturierungsprogrammen und Datenbanken. Ich erinnere mich allerdings nicht,
jemals auch nur eines dieser Programme verkauft zu haben. Die Arbeit als Programmierer bei Werner Bürotechnik war mein Schutzschild vor dem täglichen Terror des Ladens. Marcel dagegen wurde zur Arbeit versklavt. Dazu kam noch, dass
sich Frau Werner, eine streitsüchtige alte Schachtel, Marcel bei jeder Gelegenheit vorknöpfte, um ihm seine Inkompetenz vorzuwerfen. Ohne einen Ton von sich zu geben, ließ sich Marcel nahezu jede Schikane gefallen. Hin und wieder schien
mir der Bogen endgültig überspannt und ich erwartete, Marcel müsse nun explodieren. Doch er nickte nur freundlich und ging dann wortlos wieder an die Arbeit. Marcel machte seinen Job hervorragend. Manchmal schaffte er das Pensum einer
halben Woche an nur einem Tag. Doch allein sein unsicheres Auftreten machte ihn unweigerlich zum Sündenbock für alles, was im Laden falsch lief. Wenn auf dem Durchschlag einer Quittung Druckerpatrone 610c statt 601c stand, war das Grund
genug für einen Sturm in der Werkstatt.
Wenn außer uns niemand im Laden war, machten Marcel und ich unsere Späßchen. Ich schliff gelegentlich Centmünzen mit der Schleifmaschine eckig, Marcel verschaltete irgendwelche
Verbindungen der Schreibmaschinen, sodass diese anfingen verrückt zu spielen oder die Sicherungen effektvoll durchbrannten. In der Mittagspause gingen wir dann immer zu einer Metzgerei, die nicht weit vom Laden entfernt war. Dort hatten
sie eine gute Küche und verkauften zu annehmbaren Preisen köstliche, aber leider recht fettige Mahlzeiten. Um die Mittagspause verteilt saß ich täglich acht Stunden am Computer und hatte schon nach wenigen Wochen mehr als zwanzig Pfund
zugenommen. Den Meckereien von Frau Werner, die eigentlich immer nur Marcel galten, entzog ich mich, indem ich mich so sehr in meine Arbeit vertiefte, dass ich nicht mehr ansprechbar war. Ich ging sogar so weit, Herrn Werner
hinauszubitten, wenn ich gerade an einem komplizierten Source hing. Es gibt nichts Schlimmeres, als während eines schwierigen Vorgangs unterbrochen zu werden. Herr Werner spazierte gewöhnlich kommentarlos hinaus und entschuldigte sich
dabei noch. Ich fühlte mich durch meine Position als Programmierer privilegiert. Anders hätte ich es dort wohl auch nicht ausgehalten.
Wenn man lange Zeit an einem bestimmten Programm schreibt, hängt es einem irgendwann zum Hals
heraus. Meistens braucht man dann eine Abwechslung oder eine kleine Pause. Das konnte zum Beispiel die Arbeit an Schreibmaschinen sein. So ging ich hin und wieder in die Reparaturwerkstatt, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Doch
Herr Werner sah es nicht gern, dass ich meine Hände beschmutzte und an den Schreibmaschinen herumhantierte, selbst dann nicht, wenn es viel zu reparieren gab. »Gehen Sie an Ihren Arbeitsplatz zurück«, mahnte er des öfteren. »Sie sind
Programmierer, Schreibmaschinen reparieren gehört nicht zu Ihren Aufgaben.« Also verbrachte ich einen Teil meiner selbst gesetzten Pausen damit, etwas anderes zu programmieren. Es mussten kurze Programme sein, ohne kompliziertem Code
und Datenbank. Alles andere hätte Anstrengung bedeutet. So programmierte ich Bildschirmschoner oder eine bessere Oberfläche für mein eigenes Terminalprogramm, an dem es eigentlich immer etwas zu verfeinern gab. Jeder Programmierer
träumt davon, etwas Besonderes zu schaffen. Wenn man mit Sätzen wie »Das kann der Computer nicht« oder »Das ist technisch nicht möglich« konfrontiert wird, ist es immer wieder ein besonderer Ansporn, es doch zu versuchen. Ein
Komprimierungsprogramm zu erstellen, das Daten besser packen kann als jedes andere, wäre zum Beispiel so ein Erfolg. Alle würden über denjenigen sprechen, der das geschafft hätte. Es gibt nichts Schöneres für einen Programmierer, als von
irgendeinem Menschen angesprochen zu werden, der ihn als Autor eines bestimmten Programms wiedererkennt: »Du bist Thomas Leffer, der Leffer, der dieses Terminalprogramm geschrieben hat?«Mit jedem Zeichen, das ich in den Computer eingab,
hoffte ich einer solchen Situation näher zu kommen. In einer Computerzeitschrift hatte ich von einem Typen namens Chris gelesen, den man als Helden alter Zeiten feierte. Er hatte SCA programmiert, den allerersten Bootblock-Virus auf
dem Amiga. Das Kürzel SCA stand für den Namen seiner Group: Swiss Cracking Association. Es muss irgendwann in den frühen 80er Jahren gewesen sein, als ein Freund von Chris behauptet hatte, es sei unmöglich, ein Programm im Bootblock
eines Diskette unterzubringen. Daraufhin gelang es ihm tatsächlich, ein kleines unerkennbares Programm zu verfassen, das eben doch in den Bootblock passte. Das Programm hatte die Eigenschaft, sich im Speicher des Computers festzusetzen
und sich auf jede Diskette zu duplizieren, die man in den Computer einschob. Bei jedem dritten Neustart gab der Virus dann eine Warnmeldung auf dem Bildschirm wieder:
Das Programm zerstörte nichts, nahm keine
Rechenzeit in Anspruch, kurzum: Es war harmlos und sorgte nur für ein wenig Verwunderung. Als ich eines Tages an meinem Terminalprogramm herumschusterte und davon träumte, wie mein Produkt den Markt erobern würde, erfuhr ich von
Marcel, dass auch er noch immer seinen alten Amiga besaß. Er erzählte mir von verschiedenen seltenen Viren, die seinen Computer befallen hätten, und davon, dass er es nicht übers Herz brächte, sie zu killen. Auf seiner Festplatte ruhte
unter anderem einer der ersten Amiga Linkviren, auf den er ganz besonders stolz war. »Der ist fast ausgestorben«, sagte er begeistert, als spräche er von einer bedrohren Tierart. Es war schwer zu glauben, aber er war tatsächlich ein
Fan dieser Viren und sammelte sie regelrecht. Früher hatte er selbst einmal versucht einen Bootblockvirus auf dem Amiga zu programmieren, war allerdings schon in den Anfängen gescheitert. Und so kam ich spontan auf die Idee, zur
Abwechslung auch mal einen Virus zu programmieren. Marcel war von dieser Idee ebenfalls angetan und versprach den fertigen Virus in seine Sammlung aufzunehmen. Ich begann also meine Idee in die Tat umzusetzen. Immer wenn ich Zeit und
Lust harte, tüftelte ich an meinem Virus herum. Meistens saß ich jedoch an einem Programm für Herrn Werner, das in einer Apotheke die Abrechnung für Kuriere erledigen sollte.
Ich hatte mich den ganzen Vormittag über mit
dem Apothekenprogramm beschäftigt. Marcel saß in der Werkstatt und blätterte in einem Katalog für Schreibmaschinenzubehör. Herr Werner war zur Post gefahren, um Wertkarten für die Frankiermaschine zu kaufen. Ich konnte also tun und
lassen, was ich wollte. Um mir selbst eine kleine Pause zu gönnen, schaute ich bei Frau Werner vorbei und hörte mir ihre Tratschgeschichten an, was ich sofort bereute. Nachdem ich mich von ihr befreit hatte, entschied ich mich,
weiter an meinem Virus zu arbeiten. Die Zeit, die ich bereits darauf verwendet hatte, ging eindeutig auf Kosten des Apothekenprogramms. Der Quellcode des Virus hatte mittlerweile die akzeptable Größe von zwanzig Seiten, die noch einer
gründlichen Überarbeitung bedurften. Kompiliert machte die Datei fünf Kilobyte aus. Kleiner als die Speicherkapazität einer Telefondatenbank, die man für zwei Euro in allen Farben hei Werner Bürotechnik erstehen konnte. Als ich mich
wieder an den Rechner setzen wollte, saß Marcel vor dem Bildschirm, was nicht allzu häufig vorkam. Er informierte sich im Internet bei einem Schreibmaschinenversand über die Preise. Anscheinend hatte er sonst nichts Wichtigeres zu tun.
»Bin sofort fertig«, murmelte er. »Wollte nur was nachgucken.« Ich sagte ihm, er solle sich Zeit nehmen, und setzte mich so lange neben ihn.
In der Berufsschule war Informatik verständlicherweise mein Lieblingsfach. Von unseren
beiden Informatiklehrern, Herrn Fröhlich und Herrn Kowelevski, wurden uns regelmäßig Aufgaben gestellt. Einmal mussten wir ein Programm entwickeln, das bei der Handhabung von Tabellen Hilfe leisten sollte. Ich hatte diese Fingerübung
bereits in der ersten Stunde vollendet, während andere noch die darauffolgende Woche daran zu kauen hatten. So konnte ich mir die Zeit nehmen, durch die Reihen zu gehen und den Leuten bei ihren ersten Programmierschritten über die
Schulter zu schauen. Alle Schüler hatten die gleiche Aufgabe, dennoch ging jeder anders vor. Ein Programm ist wie ein Bild. Es trägt den Duktus des Künstlers. Manch einer programmiert umständlich, und sicherlich kommt er mit einem
längeren und aufwendigeren Programm auch zum Ziel. Ein sauberer Code hat jedoch seine Vorteile. Zunächst einmal ist er schneller programmiert, arbeitet besser und ist für den Programmierer leichter nachvollziehbar, wenn er sich des
Quellcodes nach längerer Pause wieder annimmt. Zu Herrn Fröhlich hatte ich ein besonderes Verhältnis aufgebaut. Er hatte meine Fähigkeiten schnell erkannt und eingesehen, dass er eine Menge von mir lernen konnte. Als ich ihm gezeigt
hatte, wie man problemlos 3D-Objekte in den eigenen Source einbauen konnte, und sie dann hinterher in Echtzeit über den Bildschirm flitzten, obwohl der Rechner eigentlich nicht die notwendige Leistung dazu hatte, war ihm das wie ein
mittleres Weltwunder vorgekommen. Während die anderen noch an ihrer Aufgabe tüftelten, zeigte ich ihm meinen Virus, dem er mit wissenschaftlichem Eifer begegnete. Er hatte nur eine vage Ahnung, wie man Viren herstellen konnte und
interessierte sich dafür, wie diese im Inneren ausschauten. Schließlich bat er mich um eine Kopie des Quellcodes. Mein Virus war nichts Besonderes. Sicher, ich hatte eine Menge Arbeit in ihn investiert. Doch der Virus hatte keinen
kreativen oder ausgefallenen Code, der für irgendjemanden von Interesse gewesen wäre. Also gab ich ihm den Quellcode, ohne weiter darüber nachzudenken. Er war natürlich begeistert und fragte mich nach Befehlen, die ich im Code
benutzte und die er nicht kannte. Ich erklärte sie ihm ausführlich. Der Virus war einfach gestaltet. Einmal gestartet, setzte er sich im Speicher fest und gab die übrigen Speicherressourcen frei. Von dort aus beobachtete er bestimmte
Programme. Startete der Benutzer ein Programm auf seinem infizierten Rechner, beispielsweise einen Mailer, wurde mein Virus aktiv. Er drängelte sich als Attachment an jede Email. Damit hatte ich meinen Virus mit einer wichtigen
Eigenschaft ausgestattet: Er duplizierte sich. Um unerkannt zu bleiben, versteckte er sich zwischen wichtigen Systemdaten, an die sich gewöhnlich nur ausgeschlafene Fachleute heranwagten. Von dort wurde er jedes Mal automatisch
gestartet, wenn das System startete. Ähnlich wie der SCA-Virus zerstörte mein Programm nichts, es ließ bloß die Sekundenanzeige der Systemuhr auf dem Bildschirm rückwärts laufen. Eine Kleinigkeit für jeden Programmierer. Was ich damit
bezwecken wolle, fragte mich mein Lehrer irritiert. »Vielleicht landet das Ding irgendwann mal in der Liste eines Anti-Virenprogramms. Dann hänge ich mir den Ausdruck an die Wand«, antwortete ich. |
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