Schwarze Schafe
Der größten Gefahr waren Boards dann ausgesetzt, wenn je-mand aus den eigenen Reihen im Auftrag einer Anwaltskanzlei herumspionierte. Diese Leute
werden in der Scene Buster genannt und sind der größte Feind der illegalen Scene. Es waren vor allem die jüngeren Systembetreiber, die durch ihre Naivität im Kreuzvisier der Ermittler standen.
Es gab auch durchaus Systembetreiber, die aus Angst vor einer zu hohen Strafe auch andere Boards in ihrem Umkreis verrieten. Von dieser Art Deal versprachen sich viele, denen ein Prozess
drohte, mildernde Umstände. Vor allem der Rechtsanwalt Günther Freiherr von Gravenreuth ist für derartige Deals in Zivilprozessen in Deutschland bekannt.
In der Regel wurde der gebustete
Systembetreiber eines Boards unverzüglich aus allen Boards der Welt, in denen er Mitglied war, ausgetragen. Dabei interessierte es kaum jemanden, ob der Systembetreiber der Polizei nun etwas
verraten hatte oder nicht. Verständlicherweise mochte sich keiner einem erhöhten Risiko aussetzen, und deswegen ging ein Systembetreiber immer vom Schlimmsten aus.
Nachdem ein Board
lahmgelegt worden war, verbreiteten sich innerhalb weniger Stunden Gerüchte über bestimmte Personen, die diesen Vorfall verursacht haben könnten. Die Scene verfügt noch heute über sehr gute
Beziehungen und ermittelt oft selbst. Letzten Endes kommt sie meistens an die erforderlichen Infor-mationen, um Verräter zu entlarven - meist durch Freunde, wie beispielsweise bei der Polizei
selbst.
Es kam sogar oft vor, dass Systembetreiber schon Wochen, bevor die Polizei selbst davon wusste, mit einer Hausdurchsuchung rechnete. So etwas war natürlich nur dann möglich, wenn
die Scene Informanten an verschiedenen Stellen hatte. Oft waren es auch zivile Ermittler, wie jüngere Rechtsanwälte im Bereich der Softwarepiraterie, die ihre eigenen Scene-Freunde vor
Hausdurchsuchungen warnten. Als Gegenleistung erhielten sie einen freien Zugang auf die Boards mit unlimitierten Downloads.
Es war ein gefährliches Unterfangen, ein Board zu führen, doch
konnte es der erste große Schritt einer ruhmreichen Scene-Karriere sein. Wer ein Board richtig führte, konnte Mitglieder aus allen Ländern der Welt gewinnen, was der beste Weg war, den Namen des
eigenen Boards populär zu machen.
Doch nicht jeder Scener konnte das eigene Board lange erfolg-reich führen. Häufig waren die Konkurrenzkämpfe zwischen den Boards zu heftig und zwangen
auch erfahrene Systembe-treiber aufzuhören. In der Scene gilt das Gesetz des Stärkeren. Jeder, der im Kampf um Geschwindigkeit und Software nicht standhalten kann, war es nicht wert, ein Board
oder irgendein anderes System im Namen seiner Gruppe, geschweige denn im Namen der Scene, zu führen. Ohne die aktiven Trader kann ein Board nicht überleben.
Durch verschiedene Tricks und
Hacks versuchten Systembetreiber außerdem, Boards von Neueinsteigern der Scene lahmzulegen - und das oft mit Erfolg. Sollten jedoch alle Maßnahmen nicht weiterhelfen, scheuten viele Scener auch
nicht davor zurück, ihre Konkurrenz der Polizei auszuliefern.
Auch heute noch gibt es zahlreiche Boards, die auf diese Weise funktionieren. Das Anwählen des Boards mit dem Modem zu einer
festen Telefonnummer ist jedoch nicht mehr üblich. Das ganze verlagerte sich in den letzten Jahren ins Internet. Hier ist Anonymität mehr denn je gewährleistet, denn die Zurückverfolgung durch
die Polizei wird zusätzlich erschwert. Das Internet bietet eine viel größere Menge an Möglichkeiten zur Verschleierung. Die heutige Scene im Internet folgt im Detail dem Beispiel der Boards.
Viele Scener alten Schlags sind noch heute aktiv und haben ihre Erfahrungen aus den Boards ins Internet transferiert.
Derweil gibt es eine große Anzahl von FTP und TELNET-Adressen im
Internet, die nach diesem Geben/Nehmen-Prinzip arbeiten. Vor allem FTP-Sites erfreuen sich derzeit in der Scene immer größerer Beliebtheit. Das Prinzip dabei ist fast ähnlich mit dem der Boards.
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