www.hackerland.de Kölner Stadtanzeiger
Freitag 23. April 1999
"Eine Nacht im Hackerland" Denis Moschitto und Evrim Sen schrieben Buch über die Szene
Geschlossene Gesellschaften haben meist
etwas dagegen, wenn sie und ihr Tun öffentlich gemacht werden. Eine solche geschlossene Gesellschaft ist die Hackerszene: Computerbegeisterte Menschen sind das, die sich mit allem Ehrgeiz daran machen, den Kopierschutz
der verschiedensten Programme zu knacken, die Mittel und Wege finden, ohne zu zahlen, Telefonleitungen zu benutzen. Wer als Insider die Strukturen, Methoden und Personen einer solchen Szene offenlegt, läuft Gefahr, als
Verräter gebrandmarkt zu werden. Die beiden Kölner Denis Moschitto (21) und Evrim Sen (23) haben es dennoch gewagt: Vor wenigen Tagen ist ihr Buch "Hackerland" erschienen, in dem sie die Szene beleuchten. Und
das Unerwartete ist geschehen: In ebendieser Szene wurde das "Logbuch" positiv aufgenommen.
Wobei es die homogene Szene -jene "geheime, aber nicht unbedingt kriminelle Organisation", wie sie
die Autoren nennen - streng genommen schon gar nicht mehr gibt. Denn seit einigen Jahren spaltet sie sich in eine illegale und eine legale Abteilung auf: Die illegale knackt nach wie vor Programme,die legale produziert
sogenannte "Demos", das sind kleine Programme mit Grafik, Text und Musik, die bei bundesweiten Zusammenkünften vorgestellt und bewertet werden. Beiden Szenen ist nach wie vor eines gemeinsam: der Ehrgeiz und
der Anspruch an sich selbst, kreativ zu sein.
Allerdings gesteht Denis Moschitto ein: "Die Grenzen zwischen den Szenen sind fließend. Einige aus der legalen Szene haben auch nicht immer eine weiße Weste.
Denn wer Demos macht, der braucht dazu Programme..." Dass die Autoren bei ihren Kollegen nicht in Ungnade gefallen sind, mag an folgender Einstellung liegen: "Wir reden ja nicht gegen Raubkopierer, sondern für
sie - und gegen die Softwareindustrie", meint Sen. Angeblich sagt er, entstünde der Industrie durch das Raubkopieren gar keine Schaden, da Hacker nicht die Leute seien, die Programme kaufen würden. Im Gegenteil,
manche Firmen verdienen nach den Erfahrungen der beiden sogar an den Hackern. So habe es schon Fälle gegeben, in denen Firmen minderwertige Software veröffentlichen, die dann - wie erwartet - geknackt wurde.
Anschließend wurden die Hacker zu Schadenersatz verurteilt, und die Firmen hätten so mehr verdient, als sie es mit dem Verkauf der Programme je getan hätten.
Geld, so meinen die beiden Autoren, sei bei den
Szene-Mitgliedern - gleich ob legal oder illegal - nicht die treibende Kraft. "Obwohl sich da manche eine goldene Nase verdienen", sagt Sen. Wichtiger sei das Motto "Danbeisein ist alles". Und da
ziehen die beiden Parallelen zu anderen Szenen, wie etwa den Hip-Hoppern und den Grafitti-Sprayern.
Für Moschitto und Sen - so eng sie auch nach wie vor mit der Szene verbunden sind - ist der Computer nicht mehr
wie früher der alleinige Lebensinhalt. Sen: "Wir hatten mal solche Scheuklappen, aber das hat sich von einem bestimmten Alter an erledigt. Wir haben versucht, uns davon loszureißen, um nicht vor den Kisten zu
verblöden." Jetzt ist etwas anderes wichtig. [...]
Moschitto hat die Schauspieler-Laufbahn eingeschlagen: Er war schon in mehreren TV-Filmen zu sehen, und im Herbst läuft der Kinofilm "Gloomy
Sunday" von Rolf Schübel an.
Wer sich für die "legale Szene" interessiert, der kann sich heute abend informieren. Im Komed-Haus im Mediapark findet ab 20 Uhr "Eine Nacht im Hackerland"
mit vielen Demos und Musik und den beiden Autoren statt. Das Buch "Hackerland" ist erschienen im Tropen-Verlag, weitere infos dazu gibt es auch im Internet unter www.hackerland.de.
Horst Piegeler |