Schwarzkopien im Internet
Mittlerweile verfügen immer mehr durchschnittliche Anwender über einen Internetanschluss und wissen, wie sie an Schwarzkopien
gelangen. Wenn man den ersten Eintritt in diese Homepages gefüllt mit Cracks geschafft hat, wird man mit zahlreichen Links zu hunderten von weiteren Homepages mit Schwarzkopien geführt. Von dort
gelangt man zu Videofilmen, MP3-Musikstücken bis hin zu zahlreichen Porno-Anbietern. Ob nun die eine oder andere Homepage wegen Missachtung der hiesigen Gesetze schließen musste, bleibt im
Wirrwarr der unzähligen Anbieter weltweit bedeutungslos. Schnell hat man sich die Links seiner Favoriten für den nächsten Besuch vorgemerkt.
Das Internet bietet neben vielen mittlerweile
bekannt gewordenen Angeboten wie dem World Wide Web (HTTP) oder dem File Transfer Protocoll (FTP) noch eine weitere Offerte: Das »Internet Relay Chat« (IRC).
Vor allem IRC bietet dem
Internetnutzer auf hunderten von Chatkanälen die Möglichkeit, mit Benutzern aus aller Welt live via Tastatur zu kommunizieren. Der große Vorteil von IRC für die Scene liegt darin, dass sie zur
Nutzung eine eigene IRC-Software benötigt und für den Ottonormalverbraucher weitgehend unbekannt ist. Daher nutzt die Scene diesen Service des Internets und hat eigene Chatkanäle eingerichtet, in
denen sich die Mitglieder ungestört von anderen Nutzern unterhalten können. Was selbst die wenigen Nutzer des IRC oft nicht wissen, ist, dass der Datentransfer über IRC problemlos möglich ist.
Der Austausch von Daten zwischen zwei Benutzern in einem der Chatkanäle erfolgt durch das Internetprotokoll DCC. DCC ist in der Software, die man benutzt, um im IRC zu chatten, implementiert.
Es bedarf keiner großen Kenntnisse, um DCC zu benutzen. Man klickt einfach auf den DCC-Knopf und schickt einem beliebigen Benutzer im Chat eine Datei. Die Verbindung zwischen zwei Benutzern
besteht, ohne dass ein Außenstehender etwas davon mitbekommt. Da IRC bis heute eine zusätzliche Software benötigt und nicht über das Web erreichbar ist, ist es eine Art Insidertipp geblieben. Die
Scene hat sich hier eingenistet, weil es bessere und direktere Möglichkeiten bietet mit anderen Mitgliedern in Kontakt zu treten und sich zu organisieren.
Da sich Polizei und andere
Institutionen bei ihren Untersuchungen eher auf die allgemein zugängliche Homepages spezialisiert haben, hat die Scene im IRC eine Nische gefunden. [Anm. der Autoren zur 4. Auflage: Der
amerikanische Geheimdienst hat im Jahre 2001, zwei Jahre nach dem Erscheinen von Hackerland, im IRC ihre verdeckten Ermittlungen gegen die Scene aufgenommen]
Wie bereits erwähnt, kennt
man sich in der Scene untereinander aus und weiß, mit wem man Ware tauschen kann und mit wem besser nicht. Zwielichtige Personen werden sofort aus dem Kanal geworfen oder sogar für verbannt. Bei
einer Verbannung aus einem Kanal wird immer ein Grund angegeben, der einfach lautet: »Wir kennen dich nicht«, oder »Komm wieder, wenn du jemand bist«. Betritt jedoch ein bekannter Trader den
Chatkanal, also jemand, der in der Scene durch die Verbreitung von Schwarzkopien Ruhm erlangt hat, wird er freundlich begrüßt und in die Runde aufgenommen.
Im Grunde beruht der Tausch von
Schwarzkopien auf Gegenseitigkeit. Nicht die Größe einer Datei ist ausschlaggebend, sondern das Alter der Datei. Für jede gesendete Datei (Upload) kann man eine andere herunterladen (Download).
Stimmt die Qualität der Datei, wird der Vorgang wiederholt. Sobald einer der Empfänger feststellt, dass sein Gegenüber keine vernünftige Ware gesendet hat, wird der jeweilige Übeltäter aus dem
Kanal verbannt.
Üblich sind, je nach Version der IRC-Software, auch Internethacks. Mit derartigen Scripts können vor allem Neulinge selbst aus ihrer Internetverbindung
herauskatapultiert werden.
Allgemeine Anfragen nach bestimmter Software sind von anderen Scenern zugelassen. Es ist üblich, dass derjenige, der nach einem Softwareprodukt sucht, frei in
die Runde fragen darf. Ist er beispielsweise auf der Suche nach einer Kopie von Photoshop, so stellt er die öffentliche und damit für alle Anwesenden lesbare Frage: »Lookin 4 phtshop sb help me
plz« (Ich suche Photoshop, wer kann mir bitte helfen?) und muss nur noch auf eine Antwort abwarten. Entweder schreibt ihn ein Scener an und kommt seinem Wunsch entgegen, oder der Benutzer muss
seine Anfrage einige Zeit später wiederholen. Eine wichtige Verhaltensregel ist dabei, nicht unnötig lästig zu werden, indem man den Chatkanal durch ständige Anfragen nach Software belastet.
Manchmal kommt es auch vor, dass man sich völlig überraschend in einem Gespräch einem anderen Scener befindet und über alles Mögliche ausgefragt wird. Dieses Frage- und Antwortspiel dient zur
Abschreckung von Außenseitern. Häufig wird nach Referenzen gefragt. Daher kann so etwas für Nicht-Mitglieder der Scene unangenehm werden. Da es oft zu Besuchen von Außenseitern kommt, ist man
sehr vorsichtig.
Falls sich jemand als Lügner entpuppt und nicht der Scene angehört, wird er aus dem Chatkanal geworfen und auf eine Ignorierliste bzw. Bannliste gesetzt. Danach kann er
nie wieder jemanden aus dem Kanal ansprechen. Häufig kommt es auch vor, dass sich ein Mitglied der legalen Scene auf der Suche nach Software befindet und in einen der illegalen Chatkanäle der
Scene hineinplatzt. Ihm wird in der Regel ohne Gegenleistung geholfen. Die illegale Scene weiß, dass jemand aus der legalen Scene kein Cracker oder Trader sein kann und somit keinen Handel mit
Schwarzkopien betreibt. Doch ist es üblich, die legale Scene zu unterstützen und jeden Suchenden zuvorkommend mit Software zu versorgen. Schließlich ist ein legaler Scener auch ein wichtiges
Mitglied der Familie. Man hat die gleichen Wurzeln und ist schließlich Mitglied der gleichen Organisation. |